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Symposion der Wissenschaftlichen Sozietät Musikpädagogik: Zwischen Praxis und Performanz – Zur Theorie musikalischen Handelns in musikpädagogischer Perspektive

05/2017


Description
Der Praxisbegriff spielt schon lange eine prominente Rolle in der musikpädagogischen Praxis und Forschung. Das in kulturwissenschaftlichen und linguistischen Kontexten entwickelte Konzept der Performativität hat dagegen erst in jüngerer Zeit Eingang in deutschsprachige musikpädagogische Publikationen gefunden (z.B. Krause-Benz 2009). Auf welche Weise die Begriffe Praxis und Performanz und die auf sie bezogenen Diskurse zusammenhängen, dürfte für eine Theorie musikalischen Handelns in musikpädagogischer Perspektive von Bedeutung sein. Den damit verbundenen Fragen widmet sich das Symposium 2017 der WSMP.
Wo es um Musikunterricht geht, wird Musikpraxis nicht selten mit Musikmachen gleichgesetzt und von der schulischen Beschäftigung mit Musiktheorie oder Musikgeschichte unterschieden. Eine solche Verwendung erfolgt entlang der traditionellen Entgegensetzung von Theorie und Praxis, in der die Vorstellung, dass es eine Praxis der Musiktheorie geben und die an histo¬rischen Zusammenhängen interessierte Auseinandersetzung mit Musik als eine wissenschaftliche Praxis verstanden werden kann, nicht präsent ist (vgl. Lehmann-Wermser/Niessen 2004). Neben dieser musikpädagogischen Alltagssprache gibt es einen musikdidaktischen Fachdiskurs, in dem ein weiterer Begriff von Musikpraxis etabliert wurde, seit Dankmar Venus in den 60er Jahren unterschiedliche „Verhaltensweisen gegenüber Musik“ zu vorrangigen Inhalten des Musikunterrichts erklärte (Venus 1969; vgl. auch Kaiser/Nolte 1989: 34). Wenn Musik nicht nur im Sinne ihrer performativen Realisierung im Singen und Musizieren als Bereiche der Produktion und Reproduktion verstanden wird, sondern auch Rezeption, Transposition und Reflexion von Musik zu (legitimen) Gegenständen des Unterrichts werden, liegt ein praxiales Verständnis von Musik nicht mehr fern. Gleichwohl scheint Venus‘ Formulierung „gegenüber Musik“ der Vorstellung von Musik als Objekt verhaftet zu bleiben; einem Objekt, das gleich bleibt, unabhängig von der Art, in der es zum Gegenstand des Handelns gemacht wird.
Ein deutlich verändertes Verständnis proklamiert, wer den Musikbegriff „verflüssigen“ und Musik als Praxis begreifen möchte. Das Denken nimmt hier nicht länger Musikstücke zum Ausgangspunkt und unterscheidet im Anschluss daran verschiedene Formen, mit Musik umzugehen, sondern spricht über Musikstücke stets im Kontext der Praxis, in der sie als solche identifizierbar werden. Betont wird in einer solchen Perspektive, dass Musik als soziale und kulturelle Praxis verstanden werden muss. Der Begriff Musikpraxis wendet sich in dieser Form gegen universalistische oder essentialistische Vorstellungen von Musik, besteht auf deren Kulturgebundenheit und richtet sich auf musikbezogenes Handeln.
Eine andere Ausrichtung haben Bestimmungen des Begriffs Musikpraxis, die sich auf antike Unterscheidungen beziehen und Praxis im Unterschied zu poiesis und téchne zu fassen ver-suchen, so etwa Hermann-Josef Kaiser in seinen Überlegungen zu Verständiger Musikpraxis (2001, 2010) oder Jürgen Vogt in einer Systematisierung der Legitimationsdiskurse zum Klassenmusizieren (2004). Diese Differenzierungen erlauben eine Auseinandersetzung mit Fragen musikalischer Bildung jenseits ästhetischer Begrifflichkeiten, indem Musikpraxis ethisch dimensioniert wird. Eine ähnliche Funktion haben die in der englischsprachigen Musikpädagogik inzwischen etablierten Kunstworte musicking (Christopher Small) und musicing (David Elliot). An die Stelle eines Verständnisses von music as object tritt eine Auffassung von music as practice. David Elliot empfiehlt der philosophy of music education dafür einen „praxial turn“ (Elliott 2009, 161). Die Praxialisten wenden sich gegen eine einseitige und als überholt kritisierte Vorstellung von (Kunst-)Musik als Gegenstand von aesthetic experience und appreciation und stellen dagegen ein Verständnis von Musikpraxis vor, das sich an der performance-Praxis orientiert. Die in englischsprachigen Debatten verbreitete Gegenüberstellung von Praxis und Ästhetik als gegensätzlichen Bezugspunkten musikpädagogischen Denkens wird durch die in der deutschsprachigen Musikpädagogik gelegentlich anzutreffende Rede von ästhetischer Praxis unterlaufen, mit der eine besondere, an ästhetischer Erfahrung interessierte Musikpraxis ausgezeichnet werden soll.
Dass Praxis mit Performanz zusammenhängt, wird in der englischen Bezeichnung performance für musikpraktische Darbietungen deutlich. Allerdings zeigen Beispiele wie eine Band, die zum reinen Vergnügen im Keller jammt, oder das Klavierspielen des Laien zur Entspannung nach der Arbeit, dass es Musikpraxen gibt, die keine Darbietungen für andere sind. Und umgekehrt brauchen Darbietungen elektronisch produzierter Musik mittels technischer Medien zwar ein Publikum können aber auf men¬schli¬che Performer verzichten – wenngleich mit einem guten DJ das mechanische Abspielen von Musik zur performance werden kann. Wegen ihrer zeitlichen Verfasstheit zählt Musik zu den performativen Künsten und fungiert in der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit performativity nicht zufällig neben dem Theater immer wieder als Beispiel. Dennoch findet eine Auseinandersetzung mit den Debatten der performance studies auch im englischsprachigen musikpädagogischen Diskurs erst in jüngerer Zeit statt (s. z.B. Koopman 2005, Gould 2007). Während der praxial turn (Elliott) primär eine Angelegenheit der Musikpädagogik ist, wird die performative Wende aus anderen Disziplinen importiert und ist in einem übergreifenden cultural turn eingebunden. Bezug genommen wird dabei etwa auf theaterwissenschaftliche Diskurse (etwa Fischer-Lichte 2004, 2012), anthropologisch-bildungs¬theoretische Debatten (vgl. Wulf/Göhlich/Zirfas 2001, Wulf/Zirfas 2007) oder Gender Studies (z.B. Gould/Mantie 2008; vgl. Butler 1993).
In jüngerer Zeit werden in der Musikpädagogik praxistheoretische Perspektiven aufgegriffen, die in den Bildungswissenschaften zunehmend an Bedeutung gewonnen haben (vgl. Campos 2015). Beeinflusst von ethnographischen Herangehensweisen interessieren sich empirische Studien nicht mehr allein für die Intentionen der Beteiligten, ihren bewussten Handlungen und mentalen Akte, sondern schauen gewissermaßen „von außen“ auf die routinierten Praktiken und das implizite Wissen, das darin liegt. Unterricht wird aus einer solchen Forschungsperspektive als soziale Ordnung verstanden, deren Aufrechterhaltung den Praktiken der beteiligten Akteure dient. Gefragt wird beispielsweise nach den pädagogischen Praktiken des doing teacher, mit denen Lehrende Schüler*innen als spezifische Lernende (nämlich schwache, starke, musikalische u.a.) hervorbringen. Forschungen, die diese Fragestellungen auf den Musikunterricht wenden, stehen noch aus.
Eine wissenschaftssoziologische Perspektive führt zu weiteren Fragen. Die Trennung zwischen musikpädagogischer Praxis und Musikpädagogik als Wissenschaft, die diese Praxis reflektiert, fällt möglicherweise weniger eindeutig aus, wenn die wissenschaftliche Musikpädagogik selbst als Praxis verstanden wird. Mit ihren Überlegungen zur „Forschung aus der Perspektive musikpädagogischer Praxis“, die den professionellen Blick der Akteure musikpädagogischer Praxis berücksichtigen will, stießen Thade Buchborn und Isolde Malmberg 2013 eine Diskussion zum Status von Theorie derartiger Aktionsforschung an (vgl. Niessen/Knigge/Vogt), die auf einer allgemeineren Ebene eine Fortsetzung verdient.
Aus den Differenzen zwischen musikalischer Praxis und musikbezogenen Praxen, Performativität und musikalischem Handeln sowie schließlich der Theorien der Praxis und Praxis-theorien ergeben sich zahlreiche musikpädagogische Fragen z.B.
• zu Begrifflichkeiten innerhalb der praxeologischen Debatte,
• zum Verhältnis praxeologischen Denkens und musikbezogener Handlungstheorien,
• zum Einfluss eines praxial turns auf musikbezogene Bildungsvorstellungen,
• zu fachbezogenen und überfachlichen Diskursen der Performativität (Theater- und Tanzwissenschaft und Musikpädagogik),
• zur wissenschaftlichen Geltung, Normativität und Fragen der praktischen Realisierbarkeit von Praxisforschung.


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