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Von der repräsentativen Kultur zur kulturellen Stellvertretung. Bedeutung und Bedeutungsverlust kultureller Eliten


Project Details
Project duration: 01/199912/2001


Abstract
Dieses Vorhaben soll sich der Gruppe gesellschaftlicher und kultureller Akteure widmen, in welcher das Bewußtsein der Krise und/oder Kritikbedürftigkeit der modernen Kultur um 1900 aufkommt, sich in intel-lektuell anspruchsvollen und heftigen Auseinandersetzungen hochsteigert (oder radikalisiert), ausdifferen-ziert und polarisiert. Zur Bezeichnung dieser - stark fragmentierten, wenn nicht individualisierten - sozialen Gruppe soll der Begriff der Kulturintelligenz dienen. Er ist geeignet, sowohl den Kreis der literarisch oder primär literarisch tätigen Intellektuellen im engeren Sinne als auch die akademische, vornehmlich, aber nicht ausschließlich kultur- und sozialwissenschaftliche Intelligenz ("Gelehrtenpolitiker") zu umfassen. Untersucht werden soll das Selbstverständnis (vor allem der kulturelle Führungsanspruch und seine Begrün-dung) die Sinn- und Werthorizonte, die soziale und politische Verortung sowie Art und Reichweite des öf-fentlichen Einflusses der "Kulturintelligenz" an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und vergleichend für Deutschland und Frankreich. Es wird erwartet, daß gerade dieser intergesellschaftliche Vergleich übliche Sichtweisen und Erklärungen irritierende Einsichten erbringt, und dies nicht zuletzt hinsichtlich der Frage, welche Orientierungs- und Handlungsoptionen der Kulturintelligenz in ihrer angestammten Rolle als Kri-sendetektor und Kritikinstanz im ausgehenden 20. Jahrhundert geblieben, womöglich aber auch neu zuge-wachsen sind. In beiden Ländern läßt sich gegenwärtig eine sehr ähnliche Depotenzierung der öffentliche Präsenz und Wirksamkeit der Intellektuellen im allgemeinen, der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Intel-lektuellen im besonderen beobachten, man könnte versuchen, dies aus der allgemeinen Durchsetzung eines kulturellen Niedergangs- und Krisenbewußtseins zu erklären, das um die Jahrhundertwende aufkam und in Deutschland anders als in Frankreich, bestimmend wurde. Damit wäre die sehr übliche Kontrastierung der deutschen und französischen Verhältnisse, die immer schon fragwürdig und nur als idealtypische Vereinfa-chung und Zuspitzung brauchbar war, mittlerweile völlig obsolet geworden. Zu Klärung und Prüfung solcher Annahmen und Schlußfolgerungen sind eingehende und vergleichende Untersuchungen vonnöten. Darüber hinaus spricht vieles dafür, daß sich ungeachtet der Überholtheit traditi-oneller Deutungen und Oppositionen, die gesellschaftliche Lage, die Selbstwahrnehmung und die öffentli-che Wirksamkeit der Intellektuellen in Frankreich und Deutschland auch gegenwärtig sehr unterschiedlich darstellen. Weiterhin sind die Intellektuellen, darunter eine große Zahl von Professoren der Philosophie und der Soziologie, eine "feste Größe" im politischen und kulturellen Leben Frankreichs; aus den letzten Jahren gibt es viele Beispiele für diese fortbestehende Beanspruchung einer herausragenden öffentliche Rolle. Und dieser Anspruch gründet, trotz aller Umbrüche und Umstellungen, noch immer in einer eigentümlichen Verknüpfung eines universalistischen Credos mit einer nationalen Identifikation. Um dies und die ganz an-dere Prägung und Situation der kulturellen Eliten in Deutschland zu verstehen, bedarf es historisch-vergleichender Analysen. Im Sommer 2000 wird der Band Der Intellektuelle und der Mandarin? Ansätze zur vergleichenden Intellektuellenfor-schung in Frankreich und Deutschland erscheinen. Für den Herbst 2000 ist eine Arbeitstagung "Wege zur Intellektuellenforschung in Deutschland" geplant.

Last updated on 2017-11-07 at 13:53