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Haushalt und Gemeiner Nutzen. Die Gerade als Eigentumsform des sächsischen Rechts im 17. und 18. Jahrhundert


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Project duration: 10/199705/2002


Abstract
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein bislang weitgehend unbekanntes Institut des sächsischen Rechts, die sogenannte Gerade: Ausgehend vom Sachsenspiegel wurden im Geltungsgebiet des sächsischen Rechts unter dieser Bezeichnung bestimmte bewegliche Güter zu einem Komplex zusammengefaßt, der den Frauen aller Stände zugeordnet und geschlechtsbezogen vererbt wurde. Zur Gerade gehörten Schmuck, Kleidung und Wäsche einer Frau ebenso wie die Haushalts- und Wohntextilien, Arbeitsgeräte wie Spinnrad und Waschkessel, Rohstoffe wie Stoff und Flachs sowie weiterer Hausrat; Dinge also, die in Bezug zu den Tätigkeitsfeldern von Frauen als Hausfrauen standen. Eine verheiratetete Frau nahm nach dem Tod ihres Mannes neben ihrem Heiratsgut alle zur Gerade gerechneten Gegenstände als Eigentümerin aus dem ehelichen Vermögen. Starb eine Frau, so vererbte sie die Gerade an ihre nächste weibliche Verwandte in weiblicher Linie. Dieses Rechtsinstitut blieb mit gewissen Einschränkungen bezüglich der Vererbung im Kurfürstentum Sachsen bis 1814 bestehen. Am Beispiel Leipzigs in den Jahren 1630-1680 werden die Bedingungen, Möglichkeiten und Strategien der Vererbungspraxis und des alltäglichen ökonomischen Umgangs mit der Gerade in städtischen Haushalten und Gewerben herausgearbeitet. Ferner werden die hinsichtlich der Gerade unternommenen (De-)Legitimierungs- und Systematisierungsbemühungen der gesetzgebenden Instanzen und der zeitgenössischen Rechtswissenschaft analysiert. Dabei wird der Wandel des materiellen Rechts ebenso berücksichtigt wie der längerfristige Wandel auf dogmatischer und rechtssystematischer Ebene. Auf diese Weise soll aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive das Verhältnis von beweglichem Eigentum, Haushalt und Gewerbe im Konzept der 'Bürgerlichen Nahrung' untersucht und zu Aspekten des Wandlungsprozesses zur bürgerlichen Gesellschaft, etwa hinsichtlich des modernen Eigentumsbegriffs und der Rechtsvereinheitlichung, in Beziehung gesetzt werden.

Last updated on 2017-11-07 at 13:56