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Kulturelle Motive in den Anfängen der indischen Nuklearpolitik


Project Details
Project duration: 01/200012/2001


Abstract
Dieses Projekt wurde als Beitrag für die Zwischenbilanz des Atomzeitalters konzipiert und gehört in deren Kontext; es hat sich jedoch auch zu einem eigenständigen Projekt entwickelt. Seit den Testexplosionen von 1998 und 1999 gilt Indien de facto als Nuklearmacht - neben den Mächten, die aufgrund des NPT und anderer internationaler Verträge gleichsam offiziell als Nuklearmächte anerkannt sind. Die indischen Tests haben aus naheliegenden Gründen weltweites Aufsehen erregt und Besorgnisse ausgelöst - über eine Entwertung bisheriger Ab-kommen zur Begrenzung der Nuklearrüstung, eine Destabilisierung Südostasiens und ein neuerliches nukleares Wettrüsten. Sie haben der indischen Nuklearpolitik auch erheblich grö-ßere wissenschaftliche Aufmerksamkeit verschafft. Dabei wird häufig die Auffassung vertre-ten, sie habe von vornherein (auch) militärische und außenpolitische Ziele verfolgt. Diese Auffassung lässt sich bis in die 60er Jahre zurückverfolgen, als Indien sich dem NPT verwei-gerte und - wie sich 1974 zeigte - seinen ersten Atomversuch vorbereitete. Demgegenüber lässt sich zeigen, - dass die Anfänge der indischen Nuklearpolitik nicht, jedenfalls nicht primär außen- und sicherheitspolitische Motive hatte, sondern zivile; - dass diese Anfänge früher beginnen als das Engagement mancher Industrieländer in der Nutzung der Kernenergie für zivile Zwecke und sich aus der wissenschaftlichen Soziali-sation führender indischer Naturwissenschaftler und ihren politischen Orientierungen in der letzten Phase der Kolonialherrschaft erklären; - dass sie - anders als oft wie selbstverständlich vorausgesetzt - kaum etwas mit Technolo-gietransfer aus Industrieländern in ein sog. Entwicklungsland zu tun haben und sich erst in zweiter Linie aus Erwartungen erklären, die in den 50er Jahren weltweit an die Nutzung der Kernenergie für zivile Zwecke geknüpft wurden; dass sie vielmehr in erster Linie in indigenen kulturellen Faktoren wurzeln, nämlich - in der kollektiven Erfahrung, von westlichen Kolonialmächten jahrhundertelang poli-tisch beherrscht, ökonomisch ausgebeutet und kulturell verachtet worden zu sein; - in der Erinnerung an die Überlegenheit Indiens über Europa vor Beginn der europäi-schen Expansion bzw. Invasion und an seine einstige kulturelle Blüte; - in dem Willen zu beweisen, dass Indien in der vermeintlichen Zukunftstechnologie par excellence ebenso leistungsfähig sei wie die Industrieländer, - dass das nukleare Engagement auch Teil eines Konzepts für die nachkoloniale Entwick-lung der Länder Afrikas und Asiens war und mit Nehrus Prinzip der Blockfreiheit zu-sammenhing, - dass aufgrund dieser Motive der Diskurs über die Nuklearpolitik, aber auch deren techni-sches Konzept und die Formen ihrer politischen Realisierung von der zweiten Hälfte der 40er bis zum Anfang der 60er Jahre in Indien im Vergleich mit der Entwicklung in westli-chen Ländern charakteristische Besonderheiten aufweisen; - dass es am Ende der Ära Nehru einen Kurswechsel der indischen Nuklearpolitik gab und - dass die besonderen Motive, aus denen sich die frühe indische Nuklearpolitik speiste, und die Besonderheiten der politischen Struktur des indischen Nuklearkomplexes die spätere "militärische Option" erleichterten und eine politische Kursänderung erschwerten, auch als sich wesentliche Annahmen für die ziviltechnische Nutzung als unbegründet erwiesen. Die Untersuchung beruht außer auf der einschlägigen internationalen Forschung seit den 60er Jahren im wesentlichen auf der englischsprachigen Publizistik Indiens zwischen 1945 und den frühen 60er Jahren, vor allem der laufenden Berichterstattung der Times of India, und ergän-zend auf der Auswertung einschlägiger Quellenpublikationen der USA sowie von Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn. Sie ist weitgehend abgeschlossen, ihre Ergebnisse werden im Laufe des Jahres veröffentlicht.


Principal Investigator

Last updated on 2017-11-07 at 14:03