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Sentimentalisierung und Sexualisierung im Modernitätsdiskurs des 20. Jahrhunderts


Project Details
Project duration: 01/199812/2000


Abstract
Nachdem in den Forschungen zur Gefühlskultur um 1900 die Einordnung des Gefühlsdiskurses in zentrale gesellschaftliche und anthropologische Parameter im Vordergrund stand und hierbei die vielfältigen Dimensionen des Ansatzes deutlich geworden sind, sollen künftig stärker die Sentimentalität als Erscheinungsform des gebrochenen, krisenhaften oder übersteigerten Gefühls und dessen ästhetische und inhaltliche Funktionalisierung als Erscheinungsform der Moderne untersucht werden. Dabei steht die Repräsen-tation der Sentimentalität in literarischen Texten im Vordergrund. Ergänzt werden soll dieser Aspekt auf einer Tagung durch Beiträge zur Trivialkultur, Musik, Operette, Theater, Film und Bildender Kunst. Die Genese der Repräsentation und Funktion der Sentimentalität soll - unter verschiedenen Zuspitzungen - von der Mitte des 19. bis in das 20. Jahrhundert verfolgt wer-den. Dabei soll ein Blick auf die offensichtliche Verbindung von Irrationalismus und Senti-mentalität mit dem beginnenden Nationalsozialismus (vgl. den Typus des autoritären Charakters) gerichtet und nach der Verbindung von individueller und gesellschaftlicher Gefühls-disposition gefragt werden. Dabei sollen neben die literaturwissenschaftliche Analyse auch sozialpsychologische Fragestellungen treten, wie sie z.B. durch die sozialpsychologische For-schung der Frankfurter Schule (seit 1923; vgl. z.B. den 1936 erschienenen Band Autorität und Familie) ins Blickfeld geraten. Nachdem bisher die Literatur des Fin de si?cle (Wien, Berlin) im Mittelpunkt gestanden hat, soll die Literatur der Zehner- und Zwanzigerjahre untersucht werden, z.B. Heinrich Manns Der Untertan, die Volksstücke von Marie-Luise Fleißer, Ödön von Horvath u.a. Besonders wichtig wäre die zunehmende Sentimentalisierung in der Öffentlichkeit (vgl. Nationalgefühl, Familienideologie, Sentimentalisierung der Männerbünde etc.). Es sollen Erklärungsansätze für die eigenartige Allianz von Sentimentalität und Brutalität gesucht werden (vgl. die Struktur des autoritären Charakters im Nationalsozialismus, etwa den Typus des KZ-Kommandanten Höss). Um diesem Gefühlssynkretismus auf die Spur zu kommen, muss nach dem Verhältnis der Diskurse Literatur, Kunst, Psychoanalyse, Sexual-wissenschaft, Kultursoziologie, Frauenbewegung, Psychiatrie, Religionen und Justiz gefragt werden. Die sog. 'Mentalität' oder Gefühlskonfiguration einer Epoche ist nur vor dem Hintergrund eines psychisch-individuellen wie auch historisch-gesellschaftlichen Wandlungsprozesses zu erfassen. Mit dem Projekt Liebe und Geschlecht. Leiblichkeit und fragmentiertes Empfinden in erotischen Episoden von der Jahrhundertwende bis zum Expressionismus (Schnitzler, Musil, Kaf-ka, Sternheim) von PD Dr. Burkhard Dohm ist eine enge Zusammenarbeit geplant. In diesem Projekt geht es darum, okkulte Diskurse der Liebe und des Leiblichen im Epochenkontinuum von der Jahrhundertwende zum Expressionismus, die ein noch weithin unerschlossenes For-schungsterrain darstellen, zu erhellen. In der anthropologischen Sicht des Geschlechtlichen - und vor allem der um 1900 wissenschaftlich wie ästhetisch vielfältig thematisierten 'Perversionen' - korrelieren damals neue medizinisch-psychologische Theorien ebenso überraschend wie aufschlussreich mit tradierten hermetischen Konzepten. Die daraus entstehenden Leiblichkeitsentwürfe werden für die literarische Moderne konstitutiv, denn gerade in drastisch leiblichen, mystisch-okkulten Liebesbildern sucht das 'fragmentierte' Subjekt der Moderne sich selbst in seiner verlorenen Ganzheit zu spiegeln. Paradigmatisch verdeutlichen dies Schnitzlers frühe, ins Magisch-Okkulte ausgreifende Erzählungen, Musils mystisch geprägte Liebesnovellen, Kafkas leibliche Metamorphose-Konzepte sowie die in Sternheims Erzählungen integrierten mystisch-hermetischen Rekurse. Exemplarische Analysen von Texten dieser Autoren bilden deshalb den Kern der projektierten Studie. Geplant ist eine weitere Tagung im Winter 2000, die sich auf die Genese und Erscheinungs-form des Sentimentalen von 1850 bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentrieren soll


Principal Investigator

Last updated on 2017-11-07 at 14:10