Projekt ohne Drittmittelfinanzierung

Betriebsbezogene Prozesse und Projekte der zivilen und ökologischen Konversion und Innovation


Details zum Projekt
Projektlaufzeit: 01/199712/2003


Zusammenfassung
Mit dem Ende des Kalten Krieges entstand die große Hoffnung auf eine Friedensdividende, nämlich dass die gewaltigen Ressourcen, die zuvor in einer riesigen Kraftanstrengung auf beiden Seiten in das Wettrüsten gesteckt worden waren, nunmehr frei würden und eingesetzt werden könnten für produktive Zwecke. Diese Untersuchung von Herbert Zeretzke zeigt minutiös auf, warum auch im deutschen Fall diese Hoffnung unerfüllt geblieben ist. Was produziert wird und wie es produziert wird, dies zu entscheiden, bleibt nach wie vor die Prärogative von Unternehmensleitungen. Der Autor zeigt auf, wie er als Ingenieur und gewählter Belegschaftsvertreter einen verbissenen Kampf geführt hat, sein Unternehmen auf eine alternative Spur zu bringen. Diese Studie von Zeretzke folgt dem neuen Stand des Diskurses. Besonders in Großbritannien setzte sich die Überzeugung durch, dass nicht irgendwelche alternativen Produkte erstellt werden sollten, sondern diese Alternativen sollten sowohl sozial nützlich wie ökologisch vertretbar sein. Besonders bekannt geworden ist der britische Ingenieur Mike Cooley von der Firma Lucas Aero Space. Herbert Zeretzke hat eine gute Chance mit dieser Studie ein deutscher Mike Cooley zu werden.
Die Aussicht, alternative Projekte statt Rüstungswaren herstellen zu können, beflügelt besonders die Fantasie von Ingenieuren. Herbert Zeretzke steht mit seinen innovativen Vorschlägen zur Transporttechnik (Bodeneffektfahrzeuge) und zur alternativen Energienutzung voll in dieser Tradition. Solche technisch faszinierenden Projekte sind praktisch nicht realisiert worden. Die wesentliche Schranke war eine kaufmännische: Die hoch verschuldeten Kommunen können sich einfach nicht alternative Transportsysteme leisten, oder aber der Übergang zur Nutzung alternativer Energieerzeugungen müsste vom Staat ausgehen, sie würde private Investoren überfordern. So ist eine implizite Erfahrung dieser Studie die Frage nach der ausbleibenden gesamtgesellschaftlichen Steuerung.
Herbert Zeretzke bearbeitet sein Thema als engagierter Ingenieur und Belegschaftsvertreter. Er ist sowohl Akteur wie kompetenter Beobachter. Die Frage, wie Projektideen von Ingenieuren und technischen Angestellten Eingang in die Unternehmenstätigkeit finden könnten, ist ein altes Streitthema. Schon aus diesem Grunde verdient das Buch die Beachtung von allen, die am Diskurs über Unternehmensstrategien und Produktinnovationen und Technologiealternativen interessiert sind.
In der Debatte um Nachhaltige Entwicklung gelingt selten ein interdisziplinärer Zugang. Denn dieser setzt eine ganzheitliche Analyse voraus, die von gesellschaftlichen Akteuren in spezifischen Handlungsfeldern ausgeht und auf einen anderen Entwicklungspfad ausgerichtet ist. Wir haben zwar eine breite Debatte über Nachhaltige Entwicklung diese ist jedoch noch immer durch mangelnde Interdisziplinarität und fehlende Einbeziehung der gesellschaftlichen Subjekte gekennzeichnet. Das heißt die Aussagen in diesem Zusammenhang sind daher wenig mit den konkreten gesellschaftlichen Handlungsstrategien verbunden, da die gesellschaftliche Disposition für die einzelnen Schritte nicht integraler Teil der Analyse ist.
Genau hier liegt jedoch der Ausgangspunkt von Herbert Zeretzke. Er hat die konfligierenden Handlungsstrategien der gesellschaftlichen Akteure im- und außerhalb des Betriebes zur Problemdefinition seiner Dissertation gemacht. Er fragt nach der gesellschaftlichen Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit betrieblicher Produktion. Um die Auseinandersetzung zwischen den strategischen Manövern der einzelnen Arbeitnehmer sowie der Gewerkschaft und die strategische Unternehmensführung durch das Management in ihren betrieblichen Handlungsfeldern und gemäß der jeweiligen Handlungsmaßstäbe darstellen zu können, schildert er sie zunächst im Kontext der verschiedenen Fallstudien (Kapitel fünf: Rüstungskonversion, Erhaltung des Schienenfahrzeugbaus, Sicherung des Motorenbaus) und rekurriert sodann ? zum besseren Verständnis ? auf die Vorgeschichte der betrieblichen Reaktionen (Kapitel acht). Die betrieblichen Reaktionen werden jedoch stets im Hinblick auf ihre Einbeziehung der regional-strukturbildenden Konzepte sowie auf der strukturbildenden Technologien hin (Kapitel sechs und sieben) ausgewertet, denn hieran kann man die Einordnung in diesen oder jenen Entwicklungspfad ablesen.
Der Autor ist Beobachtender und Handelnder. Er ist Arbeitnehmer, Vertreter der Belegschaft und potentieller Unternehmer. Seine „praxisbezogenen Abhandlungen” sind also mehr als „teilnehmende Beobachtung” über die in Etappen aufgeteilte zwanzigjährige Betriebsgeschichte. Da der Autor sowohl in der technologischen Entwicklung als auch in der betrieblichen Interessenvertretung aktiv ist, hat er Einblick in die komplexen Auseinandersetzungen gewerkschaftlicher und unternehmerischer Strategiebildung und kann nicht nur von außen das Ergebnis von Konversions- und Innovationsprozessen wahrnehmen und analysieren sondern auch die vorgelagerte Genese der Innovationsprozesse und sowie die Reaktionen hierauf im Einzelnen zum Gegenstand der Analyse machen.
Der Autor begründet seine Vorgehensweise in diesem Sinne folgendermaßen: „ Die hier niedergelegten Erfahrungen und Reflexionen zu der regionalen Dimension der Problemstellung sind Extrakte in der Doppelrolle eines Akteurs und Beobachters. Die Beobachtungsmöglichkeit von Strukturen existiert nicht per se. Vielmehr erschließt sie sich erst dann, wenn versucht wird, gestaltend zu wirken?” (S. 129)
Angesichts der mangelnden Breite sowohl unternehmerischer als auch gewerkschaftlicher Konversionsbemühungen ist es ? gerade heute ? von großer Relevanz, diese Blockaden für Konversion von Kriegsproduktion in zivile Tätigkeiten aufzuzeigen. Sie waren bisher als innerbetriebliche und innergewerkschaftliche Auseinandersetzungen weitgehend der öffentlichen Debatte entzogen. Lediglich Teile der politischen Auseinandersetzungen auf Länderebene gelangten in diesem Sinne verkürzt an die Öffentlichkeit und erhielten auf diese Weise nicht das ihnen zukommende Gewicht in der wissenschaftlichen Diskussion.

Zuletzt aktualisiert 2017-11-07 um 14:16