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Die Briefe Kurt Finkensteins (1935-1943) - eine Edition


Project Details
Project duration: 02/199810/2000


Abstract
Die Briefe Kurt Finkensteins sind zuallererst Zeugnisse der Verfolgung und Verletzung eines unschuldig in die Zuchthäuser und Lager geratenen Menschen, der sich lange Zeit weigert, den Terror, Lug und Trug der nationalsozialistischen Herrschaft als in seiner Lebenswelt wirklich anzuerkennen. "Bis zum Tage meiner Verhandlung habe ich Narr tatsächlich glauben können, es käme schließlich auf Handlungen, auf greifbare, meßbare Tatsachen, eben auf das an, was allein ich bis dahin als ?Gesetzesverletzungen' ansehen konnte! Man hat mich eines anderen belehrt, ohne daß ich allerdings weit und breit die Spur einer ?Schudl' hätte feststellen können und auch aus der sehr sorgfältigen Lektüre der Urteils-Begründung nicht klüger geworden bin! Kommt jetzt diese Erschwerung unseres so schon kärglichen, armen Briefwechsels dazu, so ist leicht zu ermessen, daß wir noch Überraschungen zu gewärtigen haben, an die wirschon deshalb nicht denken, weil sie eben, unserer ganzen Denk-, Gefühls- und Lebensform widerstreben." (Brief vom 19. 12. 1937). Die Briefe berichten von den ?Innenansichten' eines Menschen, der schutzlos immer neuen Infamien und Schicksalsschlägen ausgesetzt, in seiner Lebens- und Widerstandskraft schwer beeinträchtigt ist und schließlich fast geschlagen erscheint. Indirekt offenbart sich hier das nationalsozialistische Herrschaftssystem in einer Dichte und in einer Art und Weise, wie sie nur unmittelbar von der Person handelnde und sprechende Zeugnisse geben können. Insofern sind die Mitteilungen Kurt Finkensteins bedeutsame historiographische Beiträge zur Zeitgeschichte. In ihrer Unmittelbarkeit unterscheiden sie sich von theoretischen Bearbeitungen, da sie frei von jedem analytischen (wie z.B. bei Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Berlin 1947) oder diagnostischem Blick (z.B. Bruno Bettelheim,. Überleben in Extremsituationen. In: ders.: Erziehung zum Überleben) geschrieben sind. Ich kenne kein vergleichbares Zeugnis aus jener Zeit, das in ähnlicher Weise den unerhörten Vorgang der Desintegration eines Menschen dokumentierte. Es entsteht der Eindruck eines ?negativen' Bildungsromans, der den Prozeß der Bedrohung und Verletzung der Identität zur Sprache bringt.


Co-Investigators

Last updated on 2017-11-07 at 14:17