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Krisenwissenschaft: Zur Entstehungs- und frühen Wirkungsgeschichte der Soziologie in Russland und Deutschland (Vergleichende Untersuchung und Editionsprojekt)


Project Details
Project duration: 01/200012/2002


Abstract
1. Die Soziologie ist nicht nur ein Produkt und ein Spiegel gesellschaftlicher und kultureller Modernisierung, sondern auch deren Medium und Motor. Und wie sich der Prozess der Mo-dernisierung in verschiedenen Kulturen, Gesellschaften und Staaten und zu verschiedenen Zeiten außerordentlich unterschiedlich vollzogen hat und vollzieht, so stellen sich auch Ent-stehung, Entwicklung, Ausprägung und Einfluss der Soziologie in diesem Geschehen durch-aus unterschiedlich dar. Aus diesen Gründen ist die Entstehungs- und Durchsetzungsge-schichte dieser Wissenschaft nicht nur wissenschaftshistorisch in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Vielmehr führt die Beschäftigung mit ihr unvermeidlich auch in das Zentrum derjenigen Interessen-, Ideen- und Wertkonflikte, die Modernisierungsprozesse charakterisie-ren und vorantreiben, aber auch hemmen und in sehr unterschiedliche Richtungen lenken. 2. Die Beschäftigung mit der Entstehungsphase der Soziologie in Russlandund Deutschland ist in dieser Hinsicht besonders instruktiv. Im fraglichen Zeitraum (vom ausgehenden 19. bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts) existiert ein besonders enger geistiger und wissenschaftlicher Austausch zwischen den beiden Ländern. Dabei spielt die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Strömungen in der Philosophie und in den Sozialwissenschaften eine herausragende Rolle. Mehr als in den USA und in Großbritannien, mehr auch als in Frank-reich ist die sich herausbildende Soziologie in Russland und Deutschland von der Erfahrung schwerer Entwicklungsprobleme und krisenhafter Umbrüche bestimmt. Ungeachtet aller (be-trächtlichen) Unterschiede sind beide Gesellschaften/Staaten durch eine zunehmende Inkongruenz von ökonomischer, technologischer und auch sozialer Modernisierung auf der einen Seite und einer wandlungsresistenten - autoritären resp. autokratischen - politischen Ordnung auf der anderen Seite gekennzeichnet. In beiden kommt es zu einer Vertiefung und Radikali-sierung sozio-politischer und ideologischer Konflikte, die sich, wesentlich befördert durch Verlauf und Ausgang des Krieges, in revolutionären Prozessen entladen. Darüber hinaus ist sehr auffällig, dass sich mit diesen politisch-ideologischen Konflikten in beiden Ländern das Bewusstsein einer tiefen und grundsätzlichen Krise der modernen Kultur überhaupt verbindet: Nicht nur eine andere, den sozio-ökonomischen Gegebenheiten besser angepasste politische Herrschaftsordnung, sondern eine ganz neue, die Antinomien der Moderne überwindende geistige Ordnung, eine neue "Kultursynthese", wird von vielen ihrer intellektuellen Protagonisten für notwendig gehalten, gefordert und entworfen. Mehr als jede andere Wissenschaft ist die Soziologie in ihrer Entstehung und Entwicklung in diese prinzipiellen Kontroversen über die bestimmenden Faktoren, die Widersprüche und die Zukunft der modernen Kultur verwickelt. 3. Aus einer - schon seit vielen Jahren existierenden, im Rahmen des Projekts aber wesentlich zu vertiefenden - Zusammenarbeit zwischen russischen und deutschen Soziologinnen und Soziologen soll als sichtbares und hoffentlich fortwirkendes Resultat eine durchdachte und eingehend kommentierte Zusammenstellung von Analysen russischer und deutscher Autoren aus jenem Zeitraum hervorgehen. Die Auswahl, Zusammenstellung und begleitende Kom-mentierung der Texte bedarf gründlicher, den Stand der Forschung aufnehmender, auswertender und in einigen Punkten auch vorantreibender Untersuchungen und Erörterungen. Nur so ist sicherzustellen, dass sich eine Textsammlung ergibt, die - einen hinreichend umfassenden und differenzierten Einblick in die Modernisierungsprob-leme und Modernisierungskonflikte in beiden Gesellschaften ermöglicht, - die dafür am besten geeigneten Analysen sowohl von zu Recht als klassisch geltenden als auch von zu Unrecht vergessenen Autoren enthält, - die Vielgestaltigkeit der Problemlagen wie die Vielfalt der theoretischen Zugänge hervor-treten lässt, - die intergesellschaftlichen und intersoziologischen Wahrnehmungs- und Wirkungsbeziehungen (zwischen Russland und Deutschland) angemessen dokumentiert. 4. Zu der Arbeitsgruppe gehören Prof. Leonid Ionin und Dr. habil. Alla Tschernych (beide Moskau), Prof. Dr. Johannes Weiß und Thomas Schwietring M.A. (Kassel) sowie Dr. Vera Sparschuh (Berlin, derzeit DFG-geförderte Habilitandin am Fachbereich Gesellschaftswissen-schaften der Universität Gh Kassel). Prof. Ionin, der Deutsch spricht, ist ein hervorragender Kenner der klassischen deutschen Soziologie (vor allem Simmels), Dr. Tschernych hat sich sehr eingehend mit der frühen russi-schen Soziologie beschäftigt und darüber auch publiziert. Dr. Sparschuh spricht sehr gut Rus-sisch und verfügt über sehr breite und genaue Kenntnisse der russischen Soziologie und ihrer Geschichte. Sie soll die Aufgabe einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin in dem geplanten Projekt übernehmen. 5. Der Antrag auf Förderung des Vorhabens wird, spätestens zu Beginn des Sommersemesters, bei der Stiftung Volkswagenwerk eingereicht werden, bei der ein entsprechendes spe-zielles Förderprogramm existiert. Der Finanzbedarf bezieht sich auf die (halbe) Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin für zwei Jahre (jährlich ca. DM 60.000) sowie auf Sachkos-ten in Höhe von insgesamt DM 10.000. Publikationen (Auswahl) Leonid Jonin: Georg Simmel - Sociolog, Moskva, Nauka 1981. ders.: Russische Metamorphosen. Aufsätze zu Politik, Alltag und Kultur, Berliner Debatte Initial, Berlin 1995. Vera Sparschuh: Zur Herausbildung der Arbeitssoziologie in der Sowjetunion in den 20er Jahren. Jahrbuch für Soziologie und Sozialpolitik Berlin (Ost) 1989, S. 118-132. Alla Tschernych: Eine andere Macht - ein anderes Wissen. Das Schicksal der Soziologie in Sowjetrußland in den 20er Jahren, in: Soziologie und Geschichte/Geschichte der Soziologie, hrsg. von B. Balla/A. Sterbling, Krämer, Hamburg 1995. dies.: Die Herausbildung Sowjetrußlands - die 20er Jahre im Spiegel der Soziologie (Original: Stanovlenije Rossii Sovetskoj - 20-e gody v zerkale sociologii) Moskva 1998 (rezensiert im Dezember 1999 für die KZfSS von V. Sparschuh). dies.: /Sinaida S. Golenkowa/Vera Sparschuh u.a., Hrsg., Porträts russischer und sowjetischer Soziologen, Aka-demie der Wissenschaften der DDR, Berlin (Ost) 1987. Johannes Weiß: On the Marxist Reception and Critique of Max Weber in Eastern Europe, in: A Weber-Marx Dialogue, hrsg. von Robert J. Antonio und Ronald M. Glassman, Lawrence 1985, S. 117-131 (University Press of Kansas). ders.: Weber and the Marxist World, London/New York 1986 (Routledge & Kegan Paul) (engl. Ausgabe von: Das Werk Max Webers in der marxistischen Rezeption und Kritik). ders.: Der allgemeine Repräsentant. Zur Selbstdeutung der Intellektuellen in der kommunistischen Bewegung, in: Kulturtypen, Kulturcharaktere. Träger, Mittler und Stifter von Kultur, hrsg. von Wolfgang Lipp, Berlin 1987, S. 205-219 (Dietrich Reimer). ders.: Max Weber in den sozialistischen Ländern, in: Max Weber. Ein Symposium, hrsg. von Christian Gneuss und Jürgen Kocka, München 1988, S. 126-141 (Deutscher Taschenbuch Verlag). ders.: Der östliche Marxismus und die Soziologie, in: Aufklärung und Ideologie. Die Rolle von Philosophie und Soziologie im gesellschaftlichen Umbruch der 'realsozialistischen' Staaten, hrsg. von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik und Johannes Weiß, Kassel 1992, S. 9-29 (Jenior & Pressler).

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