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„Löcher in der Stadt – Strategien des Stadtumbaus“ Längsschnittuntersuchung am Beispiel einer Stadt im strukturschwachen Raum


Project Details
Project duration: 10/200009/2002


Abstract
Problemaufriss:
Die deutschen und europäischen Städte sind durch Prozesse des gesellschaftlichen Strukturwandels in ihrer räumlichen Entwicklung seit Beginn der 90er Jahre in immer stärkerem Maße mit einer Vielzahl von Stadtumbaustandorten konfrontiert. In dieser Phase der sich mit hoher Frequenz än-dernden Raum-/Flächennutzungen erfährt die Aufgabe Stadtumbau einen wachsenden Stellenwert innerhalb der Stadtentwicklungsplanung und eröffnet als Teilstrategie einer modernen Stadtentwick-lung Chancen, auf deutlich veränderte Leitbilder, Anforderungen und Rahmenbedingungen zu reagieren. Gleichzeitig können sich Umbaustandorte aber auch als Problem für eine geordnete Stadtentwick-lung erweisen - vor dem Hintergrund sinkender finanzieller Handlungsspielräume, verschärfter inter-kommunaler / interregionaler Konkurrenz und vor allem dem Zwang zu neuen, vorwiegend öffentlich-privaten Kooperationsformen: Mit der Vermischung ehemals klarer Rollen öffentlicher und privater Akteure im Planungsprozess geht eine abnehmende Transparenz von stadtentwicklungspolitisch bedeutsamen Entscheidungen einher, ebenso wie eine zunehmende Flächen- und Investitionskonkurrenz ohne Bezug auf eine abgestimmte gesamtstädtische Entwicklungsperspektive.

Ziele:
Das Projekt zielt auf die komplexen Zusammenhänge von Entstehungsbedingungen, öffentlicher wie fachlicher Diskussionen, der Realisierung und schließlich der Auswirkungen von Stadtumbauprojekten auf den Stadtteil sowie auf die gesamtstädtische Entwicklung im Spannungsfeld von Planung, Politik und Wirtschaft. Unter Stadtumbauprojekten verstehen wir Planungen für innerstädtische Flächen, deren bis zum jeweiligen Zeitpunkt vorherrschende Nutzungen aufgegeben oder aber die bis dahin nur unzurei-chend bzw. provisorisch genutzt wurden. Diese Flächen und Gebäude werden – zumindest zwischenzeitlich – als Löcher in der Stadt wahrgenommen, die es ?aufzufüllen? gilt. An konkreten Fällen sollen die planungskonzeptionellen, sozioökonomischen und gesellschaftspoli-tischen Hintergründe von Stadtumbauprojekten rekonstruiert, in ihren Wirkungen für die gesamtstädtische Entwicklung analysiert und als spezifische historische Formen der Stadtentwicklung typisiert werden. Mit der Rekonstruktion der komplexen Wechselwirkungsverhältnisse lokaler und gesellschaftlicher Entwicklungsmuster und jeweiliger Planungsleitbilder und –kulturen beabsichtigen wir eine Exploration von Typologien, wodurch das gegenwärtige Planungsgeschehen in seiner Entwick-lung ‚durchsichtiger‘ und in seiner Wirkung auf den städtischen (sozialen, ökonomischen, ökologi-schen, kulturellen) Organismus abschätzbar wird. In Ergänzung zu diversen planungspraktisch / anwendungsbezogenen Arbeiten aus dem Bereich der Ressortforschung zu Teilthemen des Stadtumbaus soll eine planungsgeschichtlich-analytische Forschungslinie weitergeführt werden, die sich seit Beginn der 80er Jahre herausgebildet hat und Prozessstrukturen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellt.

Tätigkeitsbericht (Stand März 2002):
Die Arbeit des Forschungsvorhabens konzentrierte im ersten Jahr der bisherigen Projektlaufzeit auf die Recherche, Sammlung und Aufbereitung von Primärdaten zur Kasseler Stadtentwicklung und zu Umbaustandorten in Kassel. Systematisch durchsucht wurden dabei: ? Das Archiv der lokalen Monopolzeitung Hessisch Niedersächsische Allgemeine ? Das Stadtarchiv Kassel und dabei insbesondere die Protokolle der relevanten Ausschüsse, Kommissionen und der Stadtverordnetenversammlung ?
Die Kasseler Universitätsbibliotheken und das Informationssystem Planung des Fachbereichs Stadtplanung / Landschaftsplanung der Universität Gesamthochschule Kassel

Die gefundene Informationsdichte insbesondere der Archive erwies sich durch die Ausweitung des Untersuchungsgegenstandes auf generelle Grundlagen der Kasseler Stadtentwicklung als unerwartet hoch, die Zugriffsmöglichkeiten als erwartungsgemäß schwierig. Zwar konnten mit den Leitern beider Archive Rahmenvereinbarungen über einen Zugang unabhängig ihrer regulären Öffnungszeiten getroffen werden, die in beiden Fällen anzutreffende sehr individuelle Systematik erforderte aber zur Identifikation relevanter Informationen einen außerordentlich hohen Zeitaufwand, so dass der anfangs veranschlagte Zeitrahmen von 8 Monaten für die Archivrecherche überschritten wurde.

Zwischen November 2000 und August 2001 wurden 23 leitfadengestützte Interviews mit folgenden Vertreterinnen und Vertretern des Kasseler Planungs-, Verwaltungs- und Politikgeschehens der letzten Jahrzehnte geführt:
Heinz Spangenberg, Leiter des Stadtplanungsamtes
Jürgen Passolt, ehem. Leiter Stadtplanungsamt
Klaus Pfromm, ehem. Professor der Universität Gh Kassel
Klaus Angermann, ehem. Referent des Oberbürgermeisters Eichel
Bernd Streitberger, Stadtbaurat
Albert Pinkvohs, langjähriger Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes
Jörg Döring, ehem. Dezernent Bauwesen RP Kassel
Helmut Feußner, ehem. Geschäftsführer der Wohnstadt GmbH
Michael Bergholter, ehem. Leiter Stadtplanungsamt
Carsten Coordes, ehemaliger Stadtbaurat
Susanne Hauser, Kulturwissenschaftlerin
Wolfram Bremeier, ehem. Oberbürgermeister
Ulrich Plassmann, ehem. Leiter der Stadtentwicklungsgruppe Kassel
Wolf-Diethard Breidenbach, Vorsitzender der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG
Monika Wiebusch, ehem. Stadtbaurätin
Heinz Petereit, ehem. Stadtbaurat (†)
Christiane Thalgott, ehem. Stadtbaurätin
Uli Hellweg, ehem. Stadtbaurat
Georg Lewandowski, Oberbürgermeister
Hans Eichel, ehemaliger Oberbürgermeister
Richard Schramm, langjähriger Planungssprecher Bündnis90/Grüne
Hans Brinkmann, ehemaliger Präsident der Universität GH Kassel
Wolfgang Frei, langjähriger Planungssprecher CDU

Die bis zu 3 Stunden dauernden Gespräche wurden aufgezeichnet, transkribiert und ausgewertet.
Aus den verschiedensten Archiv – Recherchen und den Auswertungen der Interviews wurde eine deskriptive Stadtentwicklungsgeschichte Kassels seit dem Wiederaufbau erstellt und der Grundstein für eine interpretierende Stadtentwicklungsgeschichte entwickelt. Parallel dazu wurden 70 Untersuchungsprojekte, auf die die Definition eines erweiterten Begriffs von Stadtumbau zutrifft, identifiziert und durch Kurz – Fallmonographien in ihren wichtigsten Grunddaten beschrieben. Aus diesen Projekten erfolgte eine Auswahl von 23 signifikanten Schlüsselprojekten, welche ausführlich nach folgenden Kriterien analysiert wurden:

? Bezeichnung des Stadtumbaustandortes (alt/neu)
? Adresse, Beschreibung der stadträumliche Lage
? Größe [ha]
? Eigentümer / Nutzung vorher
? Eigentümer / Nutzung nachher
? ältere Standort-/Nutzungsgeschichte
? Initiator /Initiative
? Planungsziele und -strategien
? Planungszeitraum (ggf. zu untergliedern)
? Realisierungszeitraum (ggf. zu untergliedern)
? Planungsverfahren und –instrumente
? (besondere) Beteiligungsverfahren und Entscheidungsfindungsprozesse
? Realisierungsverfahren und -instrumente
? Kosten / Finanzierung / Förderung
? Wesentliche Hindernisse und Begünstigungen
? Wesentliche Verfahrensbeteiligte (und ihre Rolle / Funktion)
? Formen öffentlich-privater Kooperation
? Bürger- und Trägerbeteiligung
? Rezeption in der Stadtöffentlichkeit
? Kommunalpolitischer Stellenwert des SU-Vorhabens
? Einschätzung des Erfolgs/der Auswirkungen für die Stadtentwicklung
? Einschätzung des Erfolgs/der Auswirkungen für die Stadtteilentwicklung

Parallel dazu wurden Literaturrecherchen zu planungs-, regulations- und modernisierungstheoretischen Aspekten des Projekts und zu jüngeren deutschen und europäischen Stadtumbauprojekten durchgeführt sowie das Grundgerüst für den Aufbau einer Internet–Präsenz unter der Adresse www.uni-kassel.de/fb13/su erarbeitet.

Um erste Zwischenergebnisse zu diskutieren und Anregungen ins besondere zum weiteren methodischen Vorgehen zu erhalten, wurde am 17.5.2001 ein erstes kleineres Kolloquium durchgeführt, an dem Wissenschaftler der Universität Gesamthochschule Kassel aus den Bereichen Stadtplanung, Stadtsoziologie, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaften teilnahmen.

Am 23. und 24. 11. 2001 wurde der begonnene Diskussionszusammenhang durch ein 2-tägiges Forschungskolloquium weitergeführt und durch die Sichtweisen von weiteren verwandten Fachdisziplinen erweitert. Dabei legten
? Prof. Dr. Heinrich Mäding, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik, Berlin,
? Prof. Dr. Erika Spiegel, Soziologin, Heidelberg,
? PD Dr. Dirk Schubert, Stadtplaner, Hamburg,
? Dr. Werner Heinz, Stadtplaner, Köln,
? PD Dr. Susanne Hauser, Kulturwissenschaftlerin, Berlin,
? Dr. Irene Wiese von Ofen, Stadtplanerin, Essen,
? Prof. Dr. Harald Bodenschatz, Soziologe und Stadtplaner, Berlin,

in längeren Referaten ihre Sichtweisen auf die Problematik von Stadtumbau und Stadtentwicklung dar und diskutierten mit ca. 25, eng mit dem Kassel Stadtentwicklungsgeschehen verbundenen, Gästen, darunter mehrere der vorgenannten Interviewpartner, Zwischenergebnisse und mögliche Perspektiven des Forschungsvorhabens.


Last updated on 2017-11-07 at 13:45