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Jenseits der "Two Cultures". Sprachwissenschaftliche und wissenschaftssprachliche Strategien zum Design einer Kultur des Gesprächs zwischen den Disziplinen.


Project Details
Project duration: 01/200112/2002


Abstract
Mit dem Projekt soll der Versuch unternommen werden, das Problemfeld Kommunikation in und zwischen den Disziplinen in mehrfach integrierender Methodik zu behandeln: zum einen werden Kommunikationsformen und Sprachformen unterschiedlicher wissenschaftlicher Kulturen mit einem breiten Spektrum analytischer Instrumente (Corpusanalyse, qualitative Methoden wie etwa Tiefeninterviews, teilnehmende Beobachtung, Metastudien zur Auswertung von institutionell bedingten Unterschieden in kognitiven Stilen (Steinberg), Inhaltsanalyse) auf der Objektebene untersucht, zum anderen wird dieser Forschungsprozess als Medium begriffen, das eine Überwindung der Spaltung der "Two Cultures" ermöglicht. Dies soll in folgenden Teilprojekten implementiert werden:
a) Datenbank und Expertensystem Erstellung einer Datenbank zu den "Two Cultures" in transdisziplinärem Design. Es gibt zwar eine Reihe von Sammlungen zu Kommunikationsproblemen und kognitiven Strategien in den Disziplinen, die Literatur wird in ihrer institutionellen Fragmentierung und methodischen Inkompatibilität aber zum Teil des Problems und nicht der Lösung. Die linguistischen, wissenschaftstheoretischen, philosophischen, soziologischen, kommunikationstheoretischen und psychologischen Ansätze sollen in einem integrativen Modell miteinander vernetzt werden, wobei es nicht um eine bloße Addition der Forschungsbestände gehen kann, sondern bereits auf der Ebene der bibliographischen und terminologischen Erfassung Grundlagenarbeit geleistet werden muss. Ergebnis dieses Projektteils wird eine kommentierte und hypertextuell aufbereitete Datenbank sein, die strukturierte und unstrukturierte Informationstypen angemessen in Beziehung setzt. Die Datenbank wird von den Designprinzipien so angelegt, dass wir im Endausbau ein Expertensystem zur kommunikativen und sprachlichen Konstruktion wissenschaftlicher Kulturen implementieren.
b) Linguistische Feldforschungen in den "Two Cultures" Dass die Öffentlichkeit nicht weiß, was Wissenschaft macht, sollte nicht verwundern, auch die Wissenschaft weiß dies nicht. Damit soll keine anarchistische wissenschaftstheoretische Skepsis auf den Spuren Paul Feyerabends ins Spiel kommen, es wird jedoch die gerade für eine breitere Öffentlichkeit bemerkenswerte Tatsache fokussiert, dass gerade die PraktikantInnen der exakten Wissenschaften keine expliziten Erklärungen dafür anbieten können, wie sie das tun, was sie offenbar sehr erfolgreich tun. Die linguistische Rekonstruktion der Kommunikation in Labors und Forschungseinrichtungen hat gezeigt (Knorr-Cetina, 1999), welch weiten Raum das "implizite Wissen" der Akteure einnimmt. Die linguistische Feldforschung des Projekts soll in kommunikativen Kontexten erfolgen, die sich traditionell als widerständig für eine Rekonstruktion durch Außenstehende erwiesen haben, namentlich der sprachlichen Konstruktion mathematischer Wirklichkeiten und der kommunikativen Apparaturen in den Laboratorien der Quantenphysik.
c) Sprachliche Konstruktion mathematischen Wissens Die Mathematik nimmt in den Topologien der "Two Cultures" insofern eine ausgezeichnete Stellung ein, als sie mit jeweils plausiblen Argumenten sowohl den Geistes- als auch den Naturwissenschaften zugeordnet werden kann. Da die moderne Linguistik ganz wesentlich von den formalen Methoden der Logik und Mathematik geprägt ist, wird in diesem disziplinären Zwischenfeld die Problematik eines Gesprächs zwischen den "epistemic cultures" in besonderer Weise brisant. Die Feldstudien zu den Sprachen der Mathematik, präziser der sprachlichen Strategien von MathematikerInnen, sind mit folgenden methodischen Instrumentarien geplant: Zunächst werden in einer breit angelegten Literaturstudie die weit verstreuten Berichte über die Spezifika kommunikativer Stile in dieser Disziplin dokumentiert. Vorarbeiten haben bereits ergeben, dass es eine Tradition von Topoi gibt, mit denen die Alterität mathematischer Kommunikation betont werden soll, das Moment der grundsätzlichen Nichtkommunizierbarkeit mathematischer Erkenntnis in natürlicher Sprache wird betont. Die Literaturstudie umfasst nicht nur Berichte und Dokumentationen über Kommunikationsstile in der Mathematik (etwa Sylvia Nasars, A beautiful life, über den Spieltheoretiker John Nash, oder John von Neumanns Innenperspektive auf das Institute for Advanced Studies in Princeton), sondern will in transdisziplinärem Ansatz die Beiträge versammeln, die in Psychologie, Wissenschaftstheorie und kognitiver Linguistik (besonders das Forschungsprogramm im Umfeld von George Lakoff) zu mathematischen Kommunikationsformen vorliegen. In der eigentlichen Feldstudie wird mit der Methode der "teilnehmenden Beobachtung" der Versuch unternommen, Spachformen mathematischer Gemeinschaften in der feinen Granulierung der Ethnomethodologie zu dokumentieren. Dies erfolgt sowohl an deutschen als auch an US-amerikanischen und britischen Universitäten. Im Zentrum werden folgende Fragen stehen, Wie sehen die sprachlichen Strategien des Beweisens aus?, Wie verhalten sich die formalen Darstellungen zu den informellen, natürlichsprachigen Argumentationsformen?, Wie ist das Verhältnis formaler und alltagssprachlicher Argumentation generell zu fassen: haben wir es mit einem epistemischen Bruch zu tun oder mit einem kognitiven Kontinuum?
d) Sprachliche Apparaturen der Quantenphysik Es wurden bereits relativ umfangreiche Vorstudien zu sprachlichen und kommunikativen Handlungen in den Laboratorien der Quantenphysik erstellt, wobei in den explorativen Vorarbeiten die Dokumentation und Analyse der sprachlichen Prozesse und Instrumente im Vordergrund steht, die in den publizierten Berichten keinen Reflex finden: Die "quick-and-dirty"-Argumentationen, die abduktiven Strategien und nicht streng monoton-logischen Argumentationsformen, die in den sprachlichen Universen der Laboratorien in großer Zahl zu finden sind, sofern die teilnehmende Beobachterin in der Tat Teil des realen Kommunikationsorts "Quantenoptisches Labor" werden kann. Weitere Studien an Laboratorien in Österreich, USA und Vereinigtes Königreich sind im Design konzipiert, die empirischen Detailergebnisse dieser methodisch an der "linguistischen Wissenssoziologie" orientierten Untersuchungen gehen in das Gesamtmodell des Projekts zu den "Two Cultures" ein.

Last updated on 2017-11-07 at 15:00