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Bericht über die Arbeitsergebnisse des Forschungssemesters im Sommersemester 2003


Project Details
Project duration: 04/200310/2003


Abstract
1. Forschungsperspektive: „Normalisierung von Gewalt”
Seit dem 11.09.2001 hat sich die vorher nationalstaatlich / nationalgesellschaftlich fokussierte Fragestellung internationalisiert. Beide erkenntnisleitenden Interessen ? die Frage nach den lebensweltlichen Akzeptanz-Ressourcen von Gewalt und die Frage nach den (Sozialisations-)Wirkungen öffentlicher / medialer Repräsentation gewaltförmiger, auch staatlicher Verkehrsformen ? können zwar noch fallstudienweise erfaßt werden, doch ist der Bezugsrahmen nicht mehr nationalstaatlich, sondern weltgesellschaftlich geworden. In dem zusammen mit Detlef Sack von mir herausgegebenen Band Gewalt statt Anerkennung? Aspekte des 11.9.2001 und seiner Folgen. Frankfurt 2003 schlägt sich dieser Blickwechsel in einer Reihe von einschlägigen Beiträgen und in der Einleitung nieder, in der die Herausgeber die weitreichenden Veränderungen von Konzepten der Politikanalyse und Demokratietheorie beschreiben und diskutieren, wie sie seit dem 11.09.2001 stattgefunden haben.
In Fortführung der Forschungsthematik „Normalisierung von Gewalt” unter so beschriebener Blickveränderung habe ich einen Teil der Arbeitszeit meines Forschungssemesters der Dokumentation und Analyse rhetorischer Repräsentation hegemonialer Macht im Zusammenhang des Irak-Kriegs gewidmet und danach gefragt, inwieweit Verweigerung von Konsistenz und kontrafaktische Wirklichkeitsdefinition als demonstrative Machtausübung die epistemischen Voraussetzungen von Demokratie und mithin politischer Bildung untergraben und die politischen Verhaltensmuster von Partizipation auf Gefolgschaft oder den politischen Sozialisationstyp von dem des „citoyen” auf den des „Untertanen” um- bzw. zurückstellen. Ein erstes Ergebnis dieser Forschungsarbeit ist der Aufsatz Der Weltbürger als Untertan. Von der zwischenstaatlichen zur innergesellschaftlichen Brutalisierung der Politik gewesen (Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/03).
Einen anderen Aspekt dieses Forschungsfeldes habe ich in den Arbeiten weiterverfolgt, die zu dem ebenfalls während des Forschungssemesters entstandenen Aufsatz Familiengedächtnis, Didaktik und Geschichtspolitik (Jahrbuch für Pädagogik 2003: Erinnern ? Bildung ? Identiät) führten. Hier diskutiere ich vor dem Hintergrund zweier neuen Studien die Frage, mit welchem Horizont von Gegenwartsverständnis sich eine Didaktik einer „Holocaust Education” als Teil einer zeitgemäßen politischen Bildung auseinanderzusetzen hätte.

2. Forschungsperspektive: Didaktik der Welterschließung; Perspektiven der Weltwahrnehmung
Ausgehend von meiner Studie Wie sie die Welt sehen sollen. Politikverständnis und Perspektiven der Weltwahrnehmung in hessischen Lehrplänen 1949-2002. In: Konflikt, Entwicklung, Frieden. Hg. M. Berndt u. I. El Masry. Kassel 2003 habe ich die darin zuerst erprobten Fragestellungen und Untersuchungsinstrumente während des Forschungssemesters weiterentwickelt und weitere Felder ihrer Anwendung im nationalen und internationalen Curriculum- und Schulbuchbereich erschlossen. Hier entsteht seit Sommer 2003 ein Dissertationsprojekt, welches die für dieses Forschungsfeld angestrebte europäisch komparatistische Dimension einschließt.
Diese an didaktischen Fragestellungen der Welterschließung interessierte Forschungsperspektive habe ich im Berichtszeitraum auch in die Konzipierung eines neuen Forschungsprojekts der IAG Grundschule eingebracht. Im Projekt „Lehrforschungen zu einer generationenvermittelnden Grundschule” richtet sich mein Untersuchungsinteresse auf die Zusammenhänge von Generationenerfahrung, Generationenbeziehungen und Weltwahrnehmung bei Lehrern, Eltern und Kindern.

3. Forschungsperspektive: Globalisierung als Transformations- und Lernprozeß und politische Bildung
In meinem eigenen Beitrag zu Gewalt statt Anerkennung? 2003: Weltereignisse, Selbstverständigungsdiskurse und politische Bildung. Hat der 11. September Auswirkungen auf Konzepte von Demokratie und politischer Bildung? habe ich das Gefälle thematisiert, das zwischen Globalisierungsprozeß und Globalisierungstheorien auf der einen und Selbstverständissen politischer Bildung besteht, deren Beschaulichkeit durch neoliberale Einfärbungen nur um so deutlicher hervortritt. In der modischen Methodenorientierung der Didaktik ist offenbar das Verständnis dafür abhanden gekommen, daß es stets Irritationen des Bewußtseins, Dezentrierungen der Perspektiven sind, die Lernen, auch Lernen der Gesellschaft über sich selbst, in Gang setzen. In dem während des Forschungssemesters konzeptionalisierten Publikationsprojekt „Globalisierung und Dezentrierung der Perspektiven” (Arbeitstitel) untersuche ich ? neben der Kritik an unzureichenden Selbstverständnissen politischer Bildung ?, aus welchen theoretischen Verständnissen des Globalisierungsprozesses als eines dynamischen Entgrenzungsvorgangs sich chancenreiche Konzepte politischen und gesellschaftlichen Lernens entwickeln lassen. In einem Teilgebiet dieses thematischen Bereichs, dem Strukturwandel der Öffentlichkeit ? eben auch der politischen Bildung ? durch die kommunikationstechnologische Globalisierung, entsteht gerade ein Dissertationsprojekt.
In diese Forschungsperspektive fällt auch die Herausgebertätigkeit für den Jahresband 2004 des Jahrbuchs für Pädagogik: Globalisierung und Bildung. Auf Konzipierung, Planung und Gewinnung von Autoren aus Sozial?, Politik- und Erziehungswissenschaften für dieses Jahrbuch, welches die bildungstheoretischen und bildungspraktischen Implikationen der Globalisierungsdiskurse artikuliert und weiterführt, habe ich einen Teil meiner Arbeitskraft im Forschungssemester verwendet. Das Jahrbuch für Pädagogik 2004: Globalisierung und Bildung wird vor Jahresmitte 2004 erscheinen.



Principal Investigator

Last updated on 2017-11-07 at 15:01