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Globale Verantwortung


Project Details
Project duration: 08/200908/2012


Abstract
Arbeitstitel: Globale Verantwortung

Disziplin: Praktische Philosophie - angewandte globale Ethik

A: Zusammenfassung

Hintergrund des Forschungsprojekts bildet die jüngste Diskussion, wer welche Verantwortung für globale Missstände wie Armut oder Klimawandel trägt. Im Zentrum dieser Diskussion steht die Frage, ob die Bewohner reicher Industrieländer oder politische Institutionen wie die Weltbank für globale Missstände mitverantwortlich zeichnen, und, wenn dies so sein sollte, ob diese Mitverantwortung zu moralischen Pflichten oder Gerechtigkeitsansprüchen führt.
In der jüngsten Debatte haben sich mindestens fünf Verantwortungskonzeptionen herausgebildet, die mit fünf verschiedenen Verfahren der Pflichtzuschreibung verbunden sind:

a) Autoren, die eine partikularistische Position vertreten, orientieren sich in der Regel an einer Konzeption assoziativer Verantwortung, die mit speziellen Verpflichtungen gegenüber spezifischen Gruppen oder Beziehungsformen verbunden ist, beispielsweise gegenüber Familienmitgliedern oder Mitbürgern.

b) Autoren, die vor allem dem Utilitarismus zuzuordnen sind, betonen, dass sowohl den Institutionen als auch den Einwohnern wohlhabender Länder eine moralische Hilfsverantwortung (remedial responsibility) für Armut in anderen Ländern zufällt, die zu besonders starken positiven Hilfspflichten führt.

c) Vertreter des politischen Kosmopolitismus versuchen nachzuweisen, dass auch auf globaler Ebene eine besondere Form assoziativer Verantwortung, nämlich gesellschaftliche Verantwortung besteht, die ähnlich wie im Sozialstaat positive soziale Gerechtigkeitspflichten generiert.

d) Die Konzeption institutioneller Verantwortung ist nicht mit Pflichten gegenüber dem eigenen Handeln, sondern mit Pflichten gegenüber den Effekten institutioneller Praktiken und Regeln verbunden. Im Rahmen seines kosmopolitistischen Menschenrechtsansatzes konzentriert sich Thomas Pogge auf die Identifikation institutioneller Folgeverantwortung (outcome responsibility), die eine besonders schwerwiegende negative Pflicht begründet, keine die Menschenrechte schädigenden Institutionen zu unterstützen oder von ihnen zu profitieren.

e) In der Konzeption partizipatorischer Verantwortung handelt es sich schließlich um eine umfassende Form sozialer Verantwortung, die aus der Teilhabe an sozialen Praktiken resultiert. Umfassend ist diese Konzeption, weil sie einerseits institutionelle, assoziative, aushelfende und kausale Verantwortungskonzeptionen in sich vereint und andererseits positive und negative Pflichten gleichermaßen begründet.

Das Forschungsprojekt wird diese fortlaufende Debatte unter systematischen Gesichtspunkten auswerten und in Bezug auf konkrete Anwendungsfälle die Tragfähigkeit der einzelnen Konzeptionen überprüfen.

Das Anwendungsinteresse konzentriert sich gegenwärtig auf Fragen, wer welche Verantwortung gegenüber den globalen Folgen des Klimawandels, den globalen Auswirkungen der Finanzkrise, den Ursachen und Folgen globaler Armut sowie allgemein gegenüber der weltweiten Verletzung von Menschenrechten trägt. Um diese weitreichenden Fragen auf einen bearbeitungsfähigen Umfang zu begrenzen, sollen sie zunächst in ihrer alltags- und individualmoralischen Dimension untersucht werden. Wie sieht etwa die moralische Verantwortung individueller Personen für ihren CO2-Fussabdruck, ihre privaten Vermögensanlagen, ihr Konsumverhalten, ihr Spendenaufkommen oder allgemein ihr politisches Engagement für Menschenrechte aus?

Die Leitthese des Forschungsprojekts lautet, dass die Konzeption partizipatorischer Verantwortung eine gleichermaßen normativ begründete, intuitiv plausible und praktisch anwendungsfähige Konzeption globaler Verantwortung darstellt. Der Vorzug dieser Konzeption ist darin zu sehen, dass sie sich in der Auseinandersetzung mit einzelnen Fallbeispielen als äußerst flexibel erweist. Die Zuschreibung von Pflichten erfolgt in Relation zur Verantwortung aller anderen Teilnehmer, eine Eigenschaft, die wir als "Verantwortungsholismus" bezeichnen. Die Konzeption partizipatorischer Verantwortung erlaubt es uns dadurch, ein komplexes Bild globaler Verantwortlichkeit zu zeichnen, das der komplexen Gemengelage globaler Probleme am besten entspricht.


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