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Viel Technik - wenig Tier (-wohl)?
Melkroboter auf dem Demeter-Betrieb




Publication Details
Authors:
Bühlen, F.; Ivemeyer, S.
Place:
Darmstadt
Publication year:
2014
Pages range:
34-36
Book title:
Lebendige Erde
Volume number:
65 (2)

Abstract


Melkroboter sind auf dem Vormarsch - in der konventionellen Milchviehhaltung gehen bereits fast 50% der Investitionen in Melktechnik auf das Konto von Automatischen Melksystemen (AMS). Für den Bio-Bereich gibt es hierzu keine belastbaren Zahlen, aber in der Beratungspraxis werden wir immer öfter mit der Einführung von AMS auf Demeter-Betrieben konfrontiert - und auch mit der Skepsis anderer Demeter-Bauern gegenüber dieser Entwicklung: Wie wirkt sich ein AMS auf die Tiergesundheit, insbesondere die Eutergesundheit, aus? Wie kann der für die wesensgemäße Rinderhaltung bedeutsame Weidegang mit dem AMS vereinbart werden? Und wie passt das AMS, in das die Kühe mit Kraftfutter gelockt werden müssen, zum viel diskutierten Ziel der Kraftfutterreduktion in der Wiederkäuerfütterung? [...]



Mit diesen Fragen muss sich jeder Betrieb bei den Vorüberlegungen zum Umstieg auf automatisches Melken auseinandersetzen: Vor allem hinsichtlich der Vereinbarkeit eines AMS mit Weidegang besteht die Gefahr eines Zielkonflikts. Um Fragen bezüglich der Tiergesundheit und der Weidenutzung von Herden mit AMS zu klären, wurde im Sommer 2013 eine Diplomarbeit an der Universität Kassel/Witzenhausen verfasst. Neben einer Literaturrecherche zu den Auswirkungen des AMS auf die Tiergesundheit wurden 42 Bio-Betriebe mit AMS überwiegend in Deutschland, einzelne auch in Nachbarländern wie den Niederlanden, zur Weidenutzung befragt. Vereinbarkeit von Melkroboter und Weidenutzung: Es stellt sich hinsichtlich der Weidenutzung vor allem die Frage, ob Betriebe nach der Umstellung auf ein AMS noch Weidegang betreiben und in welchem Umfang. Die Befragung der 42 Bio-Betriebe mit AMS ergab, dass fast ein Drittel (29%) der Betriebe, die vor der Einführung des AMS geweidet hatten, den Weidegang nach der Einführung eines AMS komplett einstellten. Dieser Effekt des AMS ist nicht im Sinne der ökologischen Milchviehhaltung. Auch die Weidefläche pro Kuh ging im Schnitt auf den befragten Betrieben mit AMS von 0,35 ha/Kuh auf 0,2 ha/Kuh zurück. Dadurch wird ein großer Teil der Futteraufnahme in den Stall verlagert. Da die Kühe in Ställen mit AMS möglichst ständig Zugang zum Melkroboter haben sollten, um ausreichend häufige und regelmäßige Melkungen zu erreichen, sowie Staus am AMS zu vermeiden, können je nach betrieblicher Situation manche Flächen nicht mehr als Weide genutzt werden, was auf einigen Betrieben den Rückgang der Gesamt-Weidefläche mit sich brachte. Außerdem führte die zum Teil erhebliche Aufstockung der Herden seit der AMS-Einführung auf den befragten Betrieben zum Rückgang der Weidefläche pro Kuh. Erfreulicherweise gab es hinsichtlich des zeitlichen Umfangs der Weidenutzung kaum Verschiebungen. Die meisten Herden hatten sowohl vor als auch nach der AMS-Einführung ganztägig oder nachts Zugang zur Weide. Ein Auto­matisches Melk-System lässt sich gut in Umbaulösungen integrieren. Die Auswertung wissenschaftlicher Untersuchungen zu den Auswirkungen automatischen Melkens auf die Eutergesundheit zeigte, dass dass es euterschonend erfolgt. Durch das viertelweise Abhängen der Melkbecher kann das Blindmelken einzelner Viertel ausgeschaltet werden. Außerdem kann die Melkfrequenz an Laktationsstadium und Milchleistung angepasst werden, was im Übrigen auch den natürlichen Abläufen bei einer säugenden Kuh besser entspricht als das strikte zweimalige Melken über die gesamte Laktation. Entscheidend für das Sicherstellen einer guten Eutergesundheit ist aber eine sehr gute Kontrolle der Daten des AMS (z. B. Leitfähigkeit und Milchmenge), um Infektionen frühzeitig zu erkennen und behandeln zu können. Da im Melkroboter keine visuelle Kontrolle der Sauberkeit der Euter vor dem Anhängen der Melkbecher erfolgen kann, muss in Roboterställen besonderer Wert auf die Boxenpflege gelegt werden. Diese und einige weitere Risikofaktoren können dazu führen, dass sich die Zellzahlen nach der Einführung des AMS im Vergleich zur Situation vorher eher verschlechtern. In diesem Zusammenhang ist es hinsichtlich Hygiene und Sauberkeit im Stall entscheidend, dass die Herde sehr gut betreut und das AMS sehr gut gewartet wird - auch das Management sollte insgesamt sehr gut sein.Ohne Kraftfutter geht es nicht. Insbesondere in AMS-Ställen mit freiem Kuhverkehr wird den Kühen sehr viel Bewegungs- und Wahlfreiheit eingeräumt. Die Kühe werden hier nicht gezwungen, den Roboter zu passieren, um vom Liege- zum Fressbereich zu gelangen. In der Praxis setzen laut der Umfrage Bio-Betriebe zum Großteil freien Kuhverkehr um (75 % der befragten Bio-Betriebe mit AMS). Damit die Kühe dennoch über den Tag verteilt zum Melken kommen und der Aufwand für das Nachtreiben von Kühen in einem überschaubaren Rahmen bleibt, muss im AMS eine Lockfütterung erfolgen. Die Ergebnisse der Befragung bestätigen dies - die Bio-Betriebe fütterten alle Kraftfutter im AMS. Die durchschnittliche Höhe der täglichen Kraftfuttergabe pro Kuh lag bei etwa 3 kg. Zudem zeigte sich, dass etwas mehr als die Hälfte der Betriebe mehr Kraftfutter fütterten als vor der Einführung des AMS. Je nach Rasse, Milchleistungsniveau, bisheriger Kraftfutterfütterung und Zielsetzung bzw. Einstellung des Landwirtes zum Kraftfuttereinsatz muss auf einzelbetrieblicher Ebene entschieden werden, ob die Notwendigkeit des Kraftfuttereinsatzes im AMS auf den Betrieb einen - womöglich entscheidenden - Nachteil darstellt. Und die Hörner? Für die Kühe bietet das AMS bezüglich des Tierwohls einige Vorteile, die gerade bei horntragenden Kühen zum Tragen kommen. So gibt es insbesondere für rangniedere Kühe keinen Stress im Wartebereich, beim Treiben in und aus dem Melkstand und anschließend am Fressgitter. Rangniedere Kühe können abwarten, bis der Zugang zum AMS für sie frei ist. Allerdings kann ein AMS auf einem Betrieb mit horntragenden Kühen wohl kaum bis an die Grenzen ausgelastet werden. Auch die Umsetzung von geregeltem Kuhverkehr birgt die Gefahr, dass es in den entstehenden Sackgassen zu Verletzungen kommt. Die Erfahrungen aus der Praxis von Betrieben mit AMS und horntragenden Kühen zeigen, dass die Herden insgesamt auffällig ruhig sind. Dies ist vermutlich der oben genannten Tatsache zuzuschreiben, dass rangniedere Kühe der Konfrontation mit ranghöheren Tieren aus dem Weg gehen können, indem sie das AMS und auch den Fressbereich dann aufsuchen, wenn für sie „die Bahn frei" ist. Die Vorteile für den Einzelbetrieb: Viele Bio-Betriebe stellen den Weidegang nach der Einführung eines AMS ein - dies darf auf einem Demeter-Betrieb nicht passieren. Weidegang und AMS lassen sich vereinbaren. [...]




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Last updated on 2019-25-07 at 15:53