Dissertation
Arbeitskonflikte. Auf der Suche nach gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Arbeit und Reproduktion



Details zur Publikation
Autor(inn)en:
Heiden, M.
Publikationsjahr:
2013

Zusammenfassung, Abstract
Die Soziologie diagnostiziert seit den 1980er Jahren sehr grundlegende Veränderungen in der deutschen Arbeitsgesellschaft. Was bislang jedoch noch nicht hinreichend reflektiert wurde, ist, dass sich parallel zum Wandel von Arbeit auch ein grundlegender Wandel von Arbeitskonflikten vollzieht. Die Dissertation verfolgt zwei Ziele. Zum einen werden soziologische Forschungsbestände, Theorien und Zeitdiagnosen daraufhin resümiert, wie sich Arbeitskonflikte vom Ende des Fordismus bis in die Gegenwart verändert haben. Zum anderen werden Arbeitskonflikte in betrieblichen Arenen und Alltagszusammenhängen empirisch untersucht.Die zentrale Fragestellung der Dissertation lautet: In welcher Gestalt manifestieren sich gesellschaftliche Auseinandersetzungen um Arbeit und Reproduktion und welche (Reproduktions-)Interessen kommen in diesen Arbeitskonflikten zur Geltung? Die empirischen Ergebnisse basieren auf drei Fallstudien im Industrie-, Dienstleistungs- und Bausektor. Ihnen liegen insgesamt 116 Interviews mit Beschäftigten und Experten zugrunde.Es scheint zunächst paradox: Während sich in der Arbeitswelt in den vergangenen 20 bis 30 Jahren ein drastischer Wandel vollzogen hat, der für viele Beschäftigte mit z.T. massiven Belastungen, Unsicherheiten und Missachtungen einhergeht, sind große gesellschaftliche Auseinandersetzungen um die Richtung und die Folgen dieses Wandels bislang ausgeblieben. In der Arbeits- und Industriesoziologie wird dieses Paradoxon mit der besonderen Qualität des Wandels in der Arbeitswelt erklärt. Die Entgrenzung, Subjektivierung, Ökonomisierung und Prekarisierung von Arbeit führt demnach nicht nur zu einer Verbetrieblichung, sondern vor allem auch zu einer Individualisierung von Arbeitskonflikten, bei der der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit in das Subjekt hinein verlagert wird. Beschäftigte gehen heute nicht mehr zum Arbeitskampf auf die Straße, sondern „fressen“ Widerspruchserfahrungen in sich hinein und leiden (auch) dadurch an neuen Erschöpfungssyndromen – so ließe sich die These salopp zuspitzen.Es spricht jedoch Vieles dafür, dass es derzeit auch zu einer Veralltäglichung von Arbeitskonflikten kommt – dies ist die zentrale These der Dissertation. Demnach verpufft das Konfliktpotential struktureller Überlastungen, wachsender Unsicherheiten und grundlegender Missachtungen nicht einfach. Es entstehen vielmehr neuartige Alltagskonflikte, die die fordistische Arbeitswelt der 1950er bis 1970er Jahre in dieser Form nicht kannte. Wurde das mit Arbeit verbundene Konfliktpotential damals aus der betrieblichen Arbeitssituation hinaus in normierte Konfliktarenen kanalisiert, so hat sich diese Konfliktregulierung inzwischen um 180-Grad gedreht. Immer weiterreichend verlagern sich klassische Streitgegenstände zurück in den Alltag von Beschäftigten. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Konfliktherde, weil Beschäftigte heute andere Bedürfnisse haben und andere Interessen verfolgen.Will man solche alltäglichen Arbeitskonflikte empirisch untersuchen, muss der bislang verwendete Konfliktbegriff theoretisch erweitert werden. Insbesondere die Anerkennungstheorie und die Konfliktsoziologie bieten hierzu unverzichtbare Perspektiven. Die Dissertation entwickelt unter Rückgriff auf Klassiker der (Konflikt-)Soziologie eine theoretische Perspektive, mit der empirische Arbeitskonflikte ans Licht gebracht werden können, die wissenschaftlich und (arbeits)politisch bislang im Verborgenen geblieben sind. Im Ergebnis können nicht nur die entscheidenden Konfliktherde des Alltags, sondern auch neuartige Kollektivkonflikte ausfindig gemacht werden, die sich jenseits der klassischen normierten Konfliktarenen abspielen.


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Zuletzt aktualisiert 2019-24-07 um 08:55