Conference proceedings article
Zur Notwendigkeit agrarstruktureller Veränderungen



Publication Details
Authors:
Sundrum, A.
Editor:
aid
Publisher:
aid
Place:
Bonn
Publication year:
2002
Pages range:
19-21
Book title:
Klasse statt Masse? Landwirtschaftliche Nutztierhaltung und Verbraucherschutz, Tagungsband zum 4. aid-Forum am 12.06.2001, aid spezial
Title of series:
aid-special

Abstract
Das Vertrauensverhältnis zwischen Verbrauchern und Erzeugern tierischer Produkte ist gestört. Durch zurückliegende Skandalmeldungen, aber insbesondere durch die ersten BSE-Fälle in Deutschland, wurde einer breiten Bevölkerungsschicht bewusst, dass die Erzeugung von Lebensmitteln tierischen Ursprungs in vielen Aspekten nicht mit ihren Vorstellungen von Landwirtschaft übereinstimmt. Den Vertrauensverlust allein dem Fehlverhalten Einzelner oder einzelner Berufsgruppen anzulasten, wird den komplexen Strukturen der Erzeugung, des Handels und der Vermarktung sowie der Mitverantwortung der Verbraucher nicht gerecht. In der tierischen Erzeugung führt die mit der Intensivierung einhergehende überproduktion unabhängig von der Betriebsgrö{ß}e seit Jahren zu einem enormen Wettbewerbsdruck, der die landwirtschaftlichen Betriebe zu fortwährenden Kosteneinsparungen u.a. bei den Fütterungs- und Haltungsbedingungen sowie zu Steigerungen der Einzeltierleistungen zwingt. Die derzeitigen Qualitäts- und Bezahlungskriterien für Fleisch sind einer guten Konstitution und Gesundheit der Nutztiere sowie der Erzeugung von Produkten mit einem hohen Genusswert eher ab- als zuträglich. Die Anpassungsfähigkeit der Nutztiere gegenüber suboptimalen Lebensbedingungen und erhöhten Leistungsanforderungen wird in hohem Ma{ß}e be- und mehr und mehr überansprucht. Zwischen dem wettbewerbsbedingten Zwang zur Senkung der Produktionskosten und den kostenträchtigen Aufwendungen für Verbraucher-, Tier- und Umweltschutz besteht ein Zielkonflikt, der schon zu lange auf dem Rücken der Landwirte und der Nutztiere ausgetragen wird. Auf der anderen Seite bedingt die aktuelle Vielfalt der Produktionsbedingungen auf den landwirtschaftlichen Betrieben eine gro{ß}e Variation bei der Qualität von tierischen Produkten und bei den mit der Erzeugung verbundenen Prozessqualitäten (u.a. Tier- und Umweltschutz). Ziel einer verbraucherorientierten Agrarpolitik sollte es sein, neben der Anhebung von Mindeststandards die Vielfalt der Qualitäten mit den unterschiedlichen Verbraucherwünschen (von Billigangeboten über Tierschutzanliegen bis zu Delikatessenware) abzugleichen. Erst durch eine Differenzierung bei den Produkt- und Prozessqualitäten können die Verbraucher in das Gesamtgeschehen einbezogen und entsprechende Kaufoptionen offeriert werden. In Folge können spezifische Produkt- und Prozessqualitäten monetär bewertet und über den Produktpreis bzw. über Subventionen angemessen honoriert werden. Gegen ein undifferenziertes Kaufverhalten der Verbraucher wird die Agrarpolitik keine andere Form der Landwirtschaft durchsetzen können. Die derzeitige Krise bietet die gro{ß}e Chance, solche Veränderungen anzusto{ß}en und das Vertrauen in die Erzeugung tierischer Produkte langfristig zu stärken. (SUNDRUM, A. (2002): Zur Notwendigkeit agrarstruktureller Veränderungen. In: Klasse statt Masse? Landwirtschaftliche Nutztierhaltung und Verbraucherschutz, Tagungsband zum 4. aid-Forum am 12.06.2001, aid spezial, S. 19-21)


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Last updated on 2019-25-07 at 19:56