Hochschulschrift, Bericht einer Institution
"Wildes Offenland" - Die Bedeutung und Implementierung von "Störungen" für den Erhalt von Offenlandökosystemen in ansonsten nicht gemanagten (Schutz-)Gebieten



Details zur Publikation
Autor(inn)en:
Peringer, A.; Schulze, K.; Giesbrecht, E.; Stanik, N.; Rosenthal, G.
Verlagsort / Veröffentlichungsort:
Bonn - Bad Godesberg
Publikationsjahr:
2019
Seitenbereich:
TBD
Titel der Buchreihe:
BfN-Skripten
Bandnr.:
526
ISBN:
978-3-89624-263-1

Zusammenfassung, Abstract

Das Vorhaben untersucht grundlegende Fragen der Landschafts-
und Ökosystemdynamik durch natürliche Störungen in großflächigen potentiellen
Wildnisentwicklungsgebieten Deutschlands. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt,
ob unter Prozessschutzbedingungen auch bedrohte Arten des Offenlandes
Lebensraumpotentiale haben können. Sie ist insbesondere für solche Gebiete des
Naturschutzes relevant, die sich aktuell in der Sukzession von (Halb-)
Offenland zu (potentiell natürlichem) Wald befinden und für die jedoch neben
dem Prozessschutz (gleichrangig) der Erhalt von Offenlandbiotopen als Zielstellung
vorgegeben ist und die nicht anderweitig gemanagt werden können oder sollten
(u.a. die ehemaligen Truppenübungsplätze des Nationalen Naturerbes mit ihrer
Munitionsbelastung).

Die Analyse unterscheidet zwischen
potentiell-natürlicherweise von Wald geprägten und störungsarmen Landschaften
(zonale Waldökosysteme) und natürlicherweise von intensiven und häufigen
Störungen geprägten Landschaften (Auen, Küsten, Hochgebirge) und durch
abiotischen Stress geprägten Landschaften (Moore). In den zonalen Waldökosystemen
wurde auch der Einfluss wildlebender großer Pflanzenfresser im Sinne der
Megaherbivoren-Theorie untersucht, wobei vorhandene Äsergemeinschaften selektiv
mit dem Wisent ergänzt wurden um intermediäres (kombiniertes Grazing und
Browsing) Äsungsverhalten zu untersuchen. Um quantitative Aussagen über
Lebensraumdynamik und - kontinuität für wertgebende Wald- und Offenlandarten
unter kombinierten Störungs-, Megaherbivoren- und Klimawandel-Einflüssen zu
erzielen wurden langfristige Computersimulationen von Wildnisentwicklungen in
Beispiellandschaften für Eichenmischwald-HeideKomplex, Kalk-Buchenwald und
Bergmischwald durchgeführt. Für die Auen, Küsten und Moore wurde Literatur
ausgewertet.

In allen untersuchten zonalen Waldökosystemtypen zeigten die
Simulationen, dass Störungen allein zwar immer wieder Offenland erzeugen
können, dieses jedoch ohne Megaherbivoren-Effekte, insbesondere ihrer
Grazing-Aktivität, von geringer Lebensraumqualität und -kontinuität ist. Ebenso
gilt das für Initialmaßnahmen wie einmalige Waldöffnung und Entbuschung. Ohne
die Einflüsse intermediärer Äsergemeinschaften sind Regenerationssukzessionen
zu Brachestadien zu erwarten, wie sie auch kleinparzelliert bei
Landnutzungsaufgabe entstehen. Demgegenüber stabilisierte die kombinierte Grazing-
und BrowsingAktivität intermediärer wildlebender Megaherbivore (u.a. Wisent und
Rothirsch) teilweise initial vorhandenes Offenland in Form von Weide- und
Magerrasen. Langfristig zeigten sich in initial vorhandenem Wäldern Effekte der
Auflichtung und der Baumartendiversifizierung. Das simulierte Zusammenwirken
von natürlichen Störungen und Megaherbivoren erzeugte eine
landschaftsstrukturelle Diversifizierung in größere Offenland- und Waldpatches
und ihren Übergängen (Ökotone). Auf einigen Offenland- und Waldflächen stellte
sich langfristige Habitatkontinuität ein (insbesondere alte Waldbestände mit
spätsukzessionalen Baumarten), weil die Megaherbivoren die brennbare Biomasse
(für Wildfeuer) und Fichtentotholzmengen (für Borkenkäfer) soweit reduzierten,
dass die Flächen ungestört von Feuer bzw. Kalamitäten blieben. In den
untersuchten zonalen Waldökosystemtypen ergab sich daraus eine spezifische
Selbstregulation der störungs-induzierten Landschaftsdynamik durch intermediäre
Megaherbivoren-Effekte, während ohne intermediäre Megaherbivore die simulierten
Störungsregime die Landschaft flächenhaft erfassten und damit die
Lebensraumdiversität in Raum (Mosaike) und Zeit (früh- und spätsukzessionale
Stadien) geringer war.

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen damit die Forderung
nach einem ganzheitlichen Ansatz in der Entwicklung von Wildnisgebieten unter
Berücksichtigung der Megaherbivoren mit intermediärem Äsungsverhalten.
Insbesondere für viele ehemalige Truppenübungsplätze mit aktuellen
Eichenmischwald-Heide-Komplexen wird eine Lösung der naturschutzfachlichen
Konflikte zwischen Prozessschutz und dem Erhalt gesetzlich geschützter
Offenlandlebensräume aufgezeigt. Das Zulassen natürlicher Störungsregime allein
erreicht dieses Ziel nicht. In ungestörten Wildnisgebieten ohne intermediäre
Äsergemeinschaft entstehen naturschutzfachliche Werte der Wälder, wobei
natürliche Störungen in katastrophalerem Umfang wahrscheinlich sind, als mit
Megaherbivoren.

Deswegen sollte wo immer bei ausreichender Flächengröße, geeignetem
Zuschnitt und Lage möglich die Chance genutzt werden, die aktuellen
Äsergemeinschaften mit intermediär äsenden Megaherbivoren zu komplettieren und
natürliche Störungen zuzulassen. Auch wenn anfänglich katastrophale
Entwicklungen irritierend wirken können, so sind sie ein Schritt hin zur
Entwicklung einer, aufgrund veränderter Randbedingungen (intermediäre
Megaherbivore und Störungsregime) neuartigen Ökosystemdynamik, in der sich
regulierende Rückkopplungsmechanismen erst einstellen müssen, wie sie von
dieser Studie aufgezeigt wurden.

Große kompakte Flächen sind unabdingbare Voraussetzung, weil
natürliche Störungen und das Raumnutzungsverhalten der Megaherbivore vom
Menschen unbeeinflusst nur in großen Wildnisgebieten zugelassen werden können.
Weiterhin ist die charakteristische Wirkung beider Faktoren von einer
räumlichen Differenzierung abhängig, die sich aus standörtlichen Unterschieden
und des teilweise zufälligen räumlichen Musters von Störungseffekten (Windwurf,
Wildfeuer) ergibt. Sie sind die Grundlage für die Bildung von Mosaiken
unterschiedlicher wertgebender Lebensräume. Eine solche topographische und
edaphische Differenzierung können nur große Flächen in ausreichendem Maß
bieten. Ebenso werden dann Rückzugsräume für Tiere bei katastrophalen
Ereignissen (Wildfeuer) natürlicherweise bereitgestellt und menschliche
Eingriffe (Löschen, Anlegen von Feuerschneisen) können weitgehend unterbleiben.













Für die Auen, Küsten, Moore und das Hochgebirge gilt
zusammengefasst, dass in diesen intensiv durch Störungen oder abiotischen
Stress geprägten Landschaften die Restauration natürlicher Störungsregime
ausreicht um im Zuge der folgenden (Re-) Dynamisierung die jeweils
charakteristischen Offenlandlebensräume zu erzeugen. Für die Auen und Moore
wären von einer Komplettierung der vorhandenen Äsergemeinschaften ähnlich
positive Effekte wie in den zonalen Waldökosystemen zu erwarten. Auch hier ist
Großflächigkeit aufgrund des Raumnutzungsverhaltens wildlebender Herden und
notwendiger Rückzugsräume und Ersatzäsungsflächen bei periodischer Überflutung
und vereistem Winterhochwasser eine Voraussetzung.



Autor(inn)en / Herausgeber(innen)

Zuletzt aktualisiert 2019-14-05 um 09:48