Postdoctoral thesis
Kulturelle Kommunikation: Von der Immersion von Natur zur Kodierung der Zivilisation



Publication Details
Authors:
Ipsen, G.
Place:
Witten-Herdecke
Publication year:
2014
Languages:
English, German

Abstract



Diese Arbeit untersucht
Kommunikation als eine prozessuale Form der Selbstkonstitution von kulturellen
Phänomenen. Um diese Annahme, die im Kern eine philosophisch-semiotische ist,
einem applikativen Diskurs zuzuführen, behandelt die Arbeit sowohl
unterschiedliche Ebenen der Kommunikation, von ihrer kognitiven Basis über die
semiosisch formierte Erkenntnis des Einzelnen hin zu medialen und somit
sozialen Formen, wie auch einige der mannigfachen Referenzwelten, die durch
Kommunikation erschaffen werden, auf denen aber Kultur fußt und durch die sie sich
selbst versteht – worin sich der Kreis von Basis und Ziel von Kommunikation
schließt. Die methodische Basis dieser Arbeit ist interdisziplinär. Neben der
im Kern semiotischen Ausrichtung der Mehrzahl der hierin versammelten Schriften
stütze ich mich im Verlauf auf linguistische, informationstheoretische,
soziologische und im weiteren Sinne kulturwissenschaftliche Theoreme.



Wenn wir uns dem Begriff der
Kommunikation nähern, so mag es gleichsam erscheinen, als öffneten wir eine
Büchse der Pandora: Konzepte und Definitionen stürzen uns entgegen, die das
Phänomen der Kommunikation jeweils aus disziplinärem Blickwinkel beleuchten.
Darunter sind eher funktionalistische, technikzentrierte, disziplinär
begründete und etliche mehr. Es ist nicht die Absicht, der Vielzahl der
Übersichten, Handbücher und Enzyklopädien zum Thema eine weitere Abhandlung
hinzuzufügen. Ich schlage vielmehr eine pragmatische Vorgehensweise vor. In
diesem Sinne unterscheide ich zwischen Kommunikationstheorien und -modellen,
die jeweils in ihrer Grundlage struktural,
systemisch oder prozessual sind. Auf diese drei wird in einem Kapitel zur
Kommunikation näher eingegangen.[1]
Struktur, System und Prozess als drei Dimensionen von Kommunikation finden in
der Literatur nicht unbedingt zueinander. Meiner Auffassung nach jedoch sind
sie durchaus in Einklang zu bringen, und dies nicht nur im Hinblick auf die
Tatsache, dass sie den Gegenstand der Kommunikation aus unterschiedlicher
Perspektive beleuchten. Es ist nämlich die Struktur zu verstehen als eine
Konstituente der Relationen der Elemente eines Systems. Ein System wiederum ist
keineswegs statisch, sondern entwickelt sich, oder bringt Neues hervor,
generiert also entweder sich selbst oder andere als veränderte bzw. neue
Systeme. Diese stete Veränderung der Systeme stellt den Prozess dar. Denken wir
in evolutionären Bahnen, so können wir den Prozess als Telos in sich auffassen:
Systeme sind dann autopoietische Instanzen; sie setzen sich im steten Prozess
immer wieder selbst. Die Regeln und Möglichkeiten dieser Setzung eines Selben,
aber doch Veränderten, weil systemisch bzw. strukturell Unterschiedlichen
können nur aus den Möglichkeiten des Systems selbst heraus oder aus seiner
Korrespondenz mit anderen Systemen, mit denen es in einem wiederum größeren
systemischen Raum koexistiert, entstehen. Sowohl systeminhärent als auch
systemextern bestehende Prozesse des Austausches sind aber Kommunikation. Im Hinblick
auf die in der Arbeit realisierte Übersicht zu Kommunikationsmodellen möchte
ich daher die Kritik formulieren: Kommunikation als Merkmal von Struktur
aufzufassen, muss fehlgehen. Strukturen bestehen, sie sind statisch –
betrachten wir die Veränderung von einer Struktur zur nächsten, so haben wir
bereits die Ebene des Strukturellen verlassen und betrachten den Prozess als
existenzielles Merkmal von Semiose und Kommunikation, wie im Kapitel Existential semiosis deutlich wird.
Kommunikation lediglich als „Merkmal“ von Systemen zu verstehen, also als eine
Art notwendige Funktion dieser Systeme oder auch als eine Art Hilfskonstrukt
zur Definition von Systemen, greift noch zu kurz. Zwischen den Zeichen, die
Systeme konstituieren, und dem Prozess per
se
besteht ein wesentlicher Unterschied. Zeichen als Systeme sind eine rein
virtuelle Angelegenheit. Ein System semiotisch zu beschreiben heißt, es auf
seine Strukturen zu reduzieren, denn die Zeichen des Systems selbst verändern
sich stets weiter, sie existieren als Gegenstand der Analyse also nur noch im
künstlichen Raum des Labors. Insofern also ist der Prozess als solches zwar
systemimmanent, entzieht sich aber der finalen Betrachtung. Peirce nennt diese
Tatsache das Potenzial der Zeichen, die stets in die Zukunft ihrer möglichen
Bedeutung weisen; in Betrachtung des Prozesses der Kommunikation können wir
sagen: die möglichen zukünftigen Zustände der Systeme bilden sich stets neu
durch den Prozess ab; in einer pragmatischen Theorie der Kommunikation bedeutet
dies: Es ist die kommunikative Handlung und das Handlungsziel, es ist die
Generierung von Referenzwelten, nicht das bloße Vorhandensein bestehender
Welten, was den Prozess ausmacht und worin wir seine Essenz suchen müssen.



Ist also Kommunikation eine
prozessuale Konstitution von Referenzwelten, die künftige Systeme kennzeichnen,
so sind die kulturellen Referenzwelten, von denen diese Arbeit ja handelt,
selbst diesem Prozess unterworfen. nehmen wir an, dass die Referenzwelten der
Kultur sowie ihre Weitergabe in summa
das sind, was Kultur überhaupt ausmacht, so wird Kommunikation tatsächlich zur
autopoietischen Kraft, die Kultur immer wider neu hervorbringt. Es ist diese
Setzung von Referenzwelten – oder Kontexten, wie in der Kommunikationstheorie
formuliert – nicht nur der Gegenstand kultureller Kommunikation, sondern
bereits in der Interaktion der Lebewesen mit ihren Umwelten angelegt. Nicht nur
nämlich sollten wir Systeme als soziale Systeme auffassen, sondern durchaus auch
als individuelle und natürliche. Jakob von Uexküll bezeichnet solche externen
und internen Systeme als „Umwelt“ und „Merkwelt“. Bereits in einfachen
Organismen funktioniert also die zielgerichtete Erstellung von Referenzwelten
in der Interaktion mit der Umwelt; wir werden diesem Phänomen in einem
Abschnitt zu Kultur und Natur noch nachgehen. Dass der Prozess der Kommunikation
Kultur transzendiert und sozusagen evolutionär tiefer begründet ist, stärkt
unsere Auffassung von seiner autopoietischen Kraft.



Dass der Begriff der
Autopoiese nicht unkritisch aufgefasst wurde und von seiner Fassung durch
Maturana 1972 über seine Verwendung durch Luhmann bis zur Einbettung in die Handlungstheorie
durch Habermas durchaus eine Wandlung erfahren hat, ist mir natürlich bewusst.
Im Unterkapitel zur Kommunikation gehe ich auf die unterschiedlichen
Wahrnehmungen von Kommunikation ein; ebenso sei der Arbeit eine kurze
Klarstellung zum Begriff der Autopoiese vorangestellt, der zwar begrifflich
eine Rolle spielt, dem diskursiv weiter zu folgen dann aber nicht Ziel der
Arbeit ist. Es geht jedenfalls in dieser Arbeit nicht um eine Letztbegründung
der Funktionsweise von Systemen oder gar ihrer Existenz. In pragmatistischer
Perspektive besteht diese Frage auch gar nicht; folgen wir James’ Auffassung
der Entschlüsselung eines Problems.[2]
In diesem Sinne steht für diese Arbeit nicht die Beweisführung an, ob Kommunikation ein autopoietisches
Mittel in der Konstitution des kulturellen Kontinuums darstellt. Das Faktum von
Kommunikation – sie findet statt – sowie die Möglichkeit, die Veränderung von
Zuständen der Kultur (Entwicklung von Wissenswelten, Referenzmodellen,
Traditionen, Gebrauch von Artefakten, etc.) zu detektieren und zu messen,
bieten meines Ermessens hinreichend Anlass dafür, das Verständnis von Kommunikation
als autopoietischem Prozess als axiomatisch für diese Arbeit zu setzen. Die zu
beantwortende Frage ist sodann, in welchem Rahmen und mit welchen Bezügen zur
Kultur die Kommunikation wirkt. Die Emergenz von kulturellen Bezugssystemen,
die der Kommunikation geschuldet ist, soll hier ebenso betrachtet werden wie
die Veränderung von solchen Bezugssystemen.[3]
Die einzelnen Kapitel der Arbeit bilden solche Explorationen in die
Wechselwirkung zwischen Kommunikation als Prozess und Kultur als System.












[1] Im Feld der Semiotik wird
seitens einiger Autoren deutlich zwischen prozessualen und strukturalen
Modellen unterschieden und eine deutliche Trennung zwischen der
strukturalistischen, das Zeichen also als Struktur
definierenden Semiologie und der
pragmatistischen, das Zeichen als Prozess
auffassenden eigentlichen Semiotik
unterschieden. Den Begriff des Systems bedienen beide Strömungen durchaus;
allerdings zunächst im Kontext von Zeichensystemen,
weniger von Systemen als etwa durch Akteure in der Kommunikation konstituiert.
Ich möchte mich, obwohl die Semiotik der Kommunikation in diesem Band durchaus
pragmatistisch gemeint ist, keinem dieser Paradigmen verschließen: Jedes für
sich kann, einen geeigneten Untersuchungsgegenstand gegeben, in seiner
Anwendung fruchtbare Ergebnisse hervorbringen und das jeweils andere ergänzen.







[2] William James erläutert
die pragmatistische Methode anhand der Frage nach den Axiomen. Das Beispiel
bietet folgendes Problem: Ein Eichhörnchen sitzt an einem Baumstamm. Ihm genau
gegenüber befindet sich ein Mann, dazwischen also der Stamm. Der Mann möchte
das Eichhörnchen beobachten. Bewegt er sich jedoch, so bewegt sich auch das
Eichhörnchen, so dass es durch den Stamm stets verborgen bleibt. Frage: Dreht
sich der Mann um das Eichhörnchen? – James’ Antwort ist so lapidar wie einfach:
Definieren wir „ sich drehen um“ als sich in einem Koordinatensystem orientiert
an einem Fixpunkt sich erst südlich, dann östlich, dann westlich, schließlich
nördlich usw. davon zu befinden, so dreht sich der Mann um das Eichhörnchen.
Bedeutet es hingegen, sich in Relation zum Objekt erst vorn, dann seitlich,
dann hinten, dann wieder seitlich usw. zu befinden, so dreht sich der Mann nicht um das Hörnchen, denn (ohne es zu
sehen) wendet das Hörnchen ihm doch stets den Bauch zu. Gegenüber dem Baum
allerdings erfüllt die Bewegung des Mannes beide möglichen Definitionen. –James
bezeichnet dies als die „peircesche, die pragmatistische Methode“. Diesem
Empfinden des Pragmatismus für die Notwendigkeit der Definition der eigenen
Position folgt diese Arbeit. In James’ Anekdote sind die Zuhörer nicht ganz
einverstanden mit der angebotenen Lösung; dies allerdings, weil der Pragmatist
sich niemand vorbehaltlos anschließt (die Zuhörerschaft war nämlich genau
hälftig über das Problem zerstritten). Dazu möchte ich anmerken, dass es nicht
die Aufgabe der Kommunikationstheorie oder Semiotik sein sollte, eine bestimmte
Theorie oder Meinung zu bestätigen,
sondern die Aspekte von Meinungen, die aus einer begründbaren Perspektive anwendbar
sind, zu verwenden, um Erkenntnis zu
mehren und letztlich auch die eigene Perspektive weiter klären zu helfen; dies
natürlich in abduktiver Methode.







[3] Ich verwende die Begriffe
„Referenzwelten“, „Bezugssysteme“ und „Kontexte“ zum großen Teil alternativ.
Semiotisch präziser wäre noch der Begriff des „Objektes“ im Verlauf der Semiose
zu nennen, der sich teilweise mit den vorgenannten Termini deckt. Ich bin mir
der Unschärfe bewusst, die durch die Einführung mehrerer Termini entsteht,
halte aber den Vorteil, durch eine Verbreiterung der Begrifflichkeit eine im
Text situational erzeugbare Transparenz zu erzeugen, für überwiegend. So ist
klar, das eine Referenzwelt eine ungleich globalere semantische Sphäre bedeutet
als der engere Begriff eines Bezugssystems.










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